Kapnographie
Die Kapnographie misst nicht die Beatmung. Sie misst, was von der Beatmung beim Patienten ankommt — und dafür braucht es drei Dinge gleichzeitig: Das Kohlendioxid muss im Gewebe entstehen, der Kreislauf muss es zur Lunge bringen, und die Beatmung muss es hinausbefördern. Fällt eines davon aus, fällt die Kurve. Genau deshalb ist sie das vielseitigste Überwachungsverfahren im Rettungsdienst: Sie bestätigt die Tubuslage, sie bewertet die Qualität der Herzdruckmassage, sie zeigt den wiedererlangten Kreislauf oft vor dem Puls — und sie erkennt den Bronchospasmus an der Form der Kurve.
Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.
Die Karte
Die Kapnographie gehört an jeden beatmeten Patienten, an jede Reanimation und an jede Analgosedierung. Nicht als Zusatz, sondern als Standard — sie ist die einzige belastbare Methode, die Tubuslage zu bestätigen.
Die Werte
- Normbereich, spontan atmend
- 35–45 mmHg (4,7–6,0 kPa)
- Ziel unter Reanimation
- ≥ 25 mmHg (3,3 kPa) — ERC 2025
- Nach ROSC
- Normokapnie anstreben, 35–45 mmHg
- Anhaltend unter 10 mmHg unter CPR
- ungünstiges Zeichen — kein alleiniges Abbruchkriterium
Eine anhaltende, rechteckige Kurve nach der Intubation ist der Goldstandard für die Bestätigung der Tubuslage. In einer deutschen Untersuchung lag die ösophageale Fehllage bei 6,7 % der präklinischen Intubationen — ohne Kapnographie bleibt sie unerkannt.
Die Ausnahme, die man kennen muss: Beim Kreislaufstillstand ohne suffiziente Kompressionen kann das etCO₂ auch bei richtig liegendem Tubus sehr niedrig oder null sein — weil kein Blut zur Lunge kommt. Ein Wert von null beweist dort nicht die Fehllage.
Umgekehrt gilt aber: Fällt die Kurve bei einem Patienten mit Kreislauf plötzlich auf null, ist bis zum Beweis des Gegenteils der Tubus disloziert.
Wo sie überall hilft
- Nach jeder Intubation — Lagebestätigung, und danach kontinuierlich
- Unter Reanimation — Qualität der Kompressionen und Hinweis auf ROSC
- Bei Analgosedierung — die Atemdepression zeigt sich hier vor dem Abfall der Sättigung
- Beim Bronchospasmus — an der Form der Kurve, nicht an der Zahl
- Bei jeder Beatmung — Hypo- und Hyperventilation werden sichtbar
Die Pulsoxymetrie misst den Sauerstoffgehalt des Blutes. Bis der fällt, vergehen bei präoxygeniertem Patienten oft Minuten.
Die Kapnographie misst den Atemzug selbst. Sie zeigt den Atemstillstand sofort.
Deshalb gehört sie an jede Analgosedierung — nicht nur an den beatmeten Patienten.
Erst die Kurve, dann die Zahl. Die Zahl allein sagt wenig — die Form sagt, ob sie überhaupt etwas bedeutet.
Eine unregelmäßige, gezackte Kurve bei laufender Reanimation stammt oft von den Kompressionen selbst und ist normal.
Wenn der Wert nicht zum Bild passt: Schlauch prüfen, Verbindung prüfen, Sekret absaugen.
Selbsttest Silber
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Du intubierst und die Kapnographiekurve bleibt aus. Der Patient wird gerade reanimiert. Was bedeutet das?Aufdecken
2 Bei einem Patienten mit tastbarem Puls fällt die Kurve plötzlich auf null. Was denkst du zuerst?Aufdecken
3 Warum gehört die Kapnographie an eine Analgosedierung, obwohl der Patient spontan atmet?Aufdecken
4 Welches etCO₂ strebst du unter laufender Reanimation an?Aufdecken
Du kannst die Kapnographie anwenden, die Tubuslage sicher bestätigen und die eine Ausnahme benennen. Die nächste Stufe erklärt, warum die Kurve vier Phasen hat und was ihre Form verrät.
Die Form
Die Zahl ist ein Punkt, die Kurve ist die Geschichte. Wer nur auf den Wert schaut, verwechselt eine Hyperventilation mit einem Kreislaufproblem — beide senken das etCO₂, aber die Kurven sehen völlig verschieden aus.
Die drei Voraussetzungen
Damit CO₂ am Sensor ankommt, müssen drei Dinge gleichzeitig funktionieren:
- Stoffwechsel — im Gewebe muss CO₂ entstehen. Bei Hypothermie oder tiefer Sedierung sinkt die Produktion.
- Kreislauf — das Blut muss das CO₂ zur Lunge transportieren. Fällt der Auswurf, fällt das etCO₂.
- Ventilation — die Lunge muss es hinausbefördern. Bei Hyperventilation wird mehr abgeatmet, als nachkommt.
Daraus folgt der wichtigste Deutungsgrundsatz: Ein niedriges etCO₂ ist kein Befund, sondern eine Frage. Sie lautet: Welche der drei Größen ist zusammengebrochen?
Die vier Phasen der normalen Kurve
| Phase | Was passiert | Wie es aussieht |
|---|---|---|
| I — Grundlinie | Ausatmung beginnt, zuerst kommt Totraumluft ohne CO₂ | liegt bei null |
| II — steiler Anstieg | Mischluft aus Totraum und Alveolen erreicht den Sensor | nahezu senkrecht |
| III — Plateau | reine Alveolarluft | flach, leicht ansteigend |
| Ende von III | der höchste Punkt ist das etCO₂ | der abgelesene Wert |
| IV — steiler Abfall | Einatmung beginnt, CO₂-freie Luft verdrängt die Probe | nahezu senkrecht zurück auf null |
Ein sauberes, rechteckiges Kapnogramm mit flachem Plateau und scharfen Übergängen spricht für eine normale Ventilation ohne relevante Obstruktion — und für einen richtig liegenden Tubus.
Wenn die Form sich ändert
| Kurvenform | Was dahintersteckt |
|---|---|
| Haifischflosse — Phase II schräg statt steil, kein echtes Plateau | Obstruktion: Asthma, COPD-Exazerbation. Die Alveolen entleeren sich ungleichmäßig und verzögert. Die Form ändert sich vor der Zahl — sie ist damit ein Frühzeichen und ein Verlaufsparameter unter Therapie. |
| Plateau steigt an, Grundlinie über null | Rückatmung: verbrauchte Luft wird wieder eingeatmet. Absorber, Ventil oder Flow prüfen. |
| Einkerbung im Plateau | Der Patient atmet gegen das Beatmungsgerät — Sedierung oder Beatmungseinstellung überprüfen. |
| Plötzlicher Abfall auf null | Diskonnektion, Dislokation, vollständige Verlegung, Gerätefehler. Bei erhaltenem Kreislauf immer zuerst an den Tubus denken. |
| Allmählicher Abfall über Minuten | Kreislauf verschlechtert sich, Hypovolämie, Lungenembolie — oder die Ventilation wurde erhöht. |
| Plötzlicher Anstieg unter CPR | Hinweis auf wiedererlangten Kreislauf. |
Beim Bronchospasmus ändert sich die Form der Kurve, bevor die Zahl auffällig wird.
Wird die Flosse unter Therapie wieder eckiger, wirkt die Behandlung — auch wenn das Atemgeräusch noch gleich klingt.
Das ist eine der wenigen objektiven Rückmeldungen, die man beim Asthma präklinisch bekommt.
Unter Reanimation
- Qualität der Kompressionen: Ein niedriges etCO₂ trotz laufender Reanimation bedeutet zu wenig Auswurf — tiefer, schneller, vollständig entlasten, Helfer wechseln. ERC 2025 nennt als pragmatisches Ziel mindestens 25 mmHg.
- Hinweis auf ROSC: Ein plötzlicher deutlicher Anstieg spricht für einen wiedererlangten Kreislauf. Die Kompressionen werden deswegen aber nicht unterbrochen — erst die Kombination mehrerer Zeichen (Bewusstsein, gezielte Bewegung, arterielle Kurve, etCO₂-Anstieg) rechtfertigt die Unterbrechung zur Rhythmusanalyse.
- Prognose: Anhaltend sehr niedrige Werte korrelieren mit schlechtem Ausgang — sie sind aber kein alleiniges Kriterium, um eine Reanimation zu beenden.
Wer die Kompressionen unterbricht, sobald das etCO₂ steigt, verliert genau den Perfusionsdruck, den er gerade aufgebaut hat.
ERC 2025 ist hier ausdrücklich: Der Anstieg allein reicht nicht. Er ist ein Hinweis, keine Anweisung.
Selbsttest Gold
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Das etCO₂ liegt bei 18 mmHg. Nenne drei völlig verschiedene Erklärungen.Aufdecken
2 Beschreibe die Haifischflosse und erkläre, warum sie klinisch so nützlich ist.Aufdecken
3 Unter Reanimation steigt das etCO₂ plötzlich von 14 auf 40 mmHg. Unterbrichst du die Kompressionen?Aufdecken
4 Warum ist ein flaches, rechteckiges Plateau mehr als nur eine schöne Kurve?Aufdecken
5 Die Grundlinie liegt nicht mehr bei null. Was bedeutet das?Aufdecken
Du liest die Kurve statt nur die Zahl und kannst ein niedriges etCO₂ auf seine drei möglichen Ursachen zurückführen. Die Master-Stufe geht an die Physiologie dahinter und an die Grenzen des Verfahrens.
Bis zur Alveole
Das etCO₂ ist nicht der arterielle CO₂-Partialdruck. Es ist eine Näherung, und der Abstand zwischen beiden ist selbst eine Information — er wächst genau dann, wenn Lungenabschnitte belüftet, aber nicht durchblutet sind.
Die Differenz zwischen etCO₂ und paCO₂
Beim Lungengesunden liegt das etCO₂ nur wenige mmHg unter dem arteriellen paCO₂. Der Unterschied entsteht durch den alveolären Totraum: Lungenabschnitte, die belüftet, aber nicht durchblutet werden, liefern CO₂-arme Luft, die sich der Probe beimischt und den gemessenen Wert verdünnt.
Daraus folgt: Je größer der Totraum, desto größer die Differenz. Sie wächst bei Lungenembolie, bei Schock mit schlechter Lungenperfusion, bei hohem Beatmungsdruck. In diesen Situationen unterschätzt das etCO₂ den arteriellen Wert — teils erheblich.
Wer nach ROSC das etCO₂ auf einen Normwert einstellt, kann den Patienten unbemerkt hyperventilieren — weil der tatsächliche arterielle Wert höher liegt.
Hypokapnie verengt die Hirngefäße und verschlechtert genau die Durchblutung, die nach dem Kreislaufstillstand am nötigsten ist.
Die Kapnographie steuert die Beatmung, ersetzt aber keine Blutgasanalyse.
Wo das Verfahren an seine Grenzen kommt
| Situation | Warum die Kurve täuscht |
|---|---|
| Kreislaufstillstand ohne Kompressionen | kein Transport, also kein CO₂ am Sensor — ein Wert von null beweist keine Fehllage |
| Ösophageale Lage nach Beutelbeatmung | In den Magen geblasene Luft kann kurzzeitig CO₂ enthalten. Deshalb zählt die anhaltende Kurve über mehrere Atemzüge, nicht der erste Ausschlag. |
| Sehr niedriges Atemzugvolumen | Es wird kaum Alveolarluft ausgeatmet, das Plateau wird nicht erreicht — der Wert ist zu niedrig |
| Massive Obstruktion | Das Plateau wird nicht erreicht, das gemessene etCO₂ liegt unter dem tatsächlichen alveolären Wert |
| Sekret, Kondenswasser, Blut im Messweg | gedämpfte oder verzerrte Kurve — technisches Problem, kein Patientenproblem |
| Nasenbrille beim Spontanatmenden | Beimischung von Raumluft, der Absolutwert wird unzuverlässig. Verlauf und Kurvenform bleiben brauchbar. |
Die Kapnographie misst nicht die Beatmung, sondern was von ihr ankommt.
Drei Dinge müssen dafür zusammenspielen: Stoffwechsel, Kreislauf, Ventilation. Fällt eines aus, fällt die Kurve.
Und: Erst die Kurve, dann die Zahl. Die Form sagt, ob die Zahl überhaupt etwas bedeutet.
Warum sie beim Atemwegsmanagement nicht verhandelbar ist
Die unerkannte ösophageale Intubation ist eine der wenigen Komplikationen, die mit Sicherheit tödlich enden und mit Sicherheit vermeidbar sind. In einer deutschen Untersuchung lag die ösophageale Fehllage bei 6,7 % der präklinisch durchgeführten Intubationen. Auskultation, Thoraxexkursion und Beschlagen des Tubus sind alle unzuverlässig; die anhaltende Kapnographiekurve ist es nicht.
Deshalb gilt sie als Goldstandard zur Kontrolle der Tubuslage — in der Klinik wie im Rettungsdienst — und wird nach der Intubation nicht einmalig geprüft, sondern kontinuierlich weitergeführt. Jede Umlagerung, jeder Transport, jede Umbettung ist ein Dislokationsrisiko.
Selbsttest Master
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum liegt das etCO₂ unter dem arteriellen paCO₂ — und wann wird der Abstand groß?Aufdecken
2 Welche Gefahr entsteht, wenn man nach ROSC allein nach etCO₂ beatmet?Aufdecken
3 Warum zählt bei der Lagekontrolle die anhaltende Kurve und nicht der erste Ausschlag?Aufdecken
4 Ein Patient mit COPD hat ein etCO₂ von 30 mmHg und eine deutliche Haifischflosse. Wie deutest du das?Aufdecken
5 Warum wird die Kapnographie nach der Lagebestätigung nicht abgeschaltet?Aufdecken
Du kennst die Physiologie hinter der Kurve, kannst die Differenz zum arteriellen Wert erklären und die Situationen benennen, in denen das Verfahren täuscht.