AVNRT
Ein junger, herzgesunder Mensch, Puls 180, Beginn wie ein Schalter: Das ist die AVNRT, bis das EKG etwas anderes sagt. Der Kreisel läuft IM AV-Knoten — deshalb bricht er auf vagale Manöver oder Adenosin. Erkenne sie, terminiere sie kontrolliert, und dokumentiere den Moment der Konversion — er ist die halbe Diagnose.
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Der Handgriff
Die AVNRT ist der dankbarste Rhythmus-Notfall: jung, herzgesund, dramatisches Gefühl — und in der Mehrzahl der Fälle mit einem Lagerungsmanöver oder einer einzigen Ampulle beendet. Die Kunst liegt nicht im Können, sondern im Nacheinander.
Erkennen — in 30 Sekunden
- Frequenz 150–250/min, streng regelmäßig, QRS schmal (< 120 ms)
- Beginn und Ende wie ein Schalter — der Patient kann die Uhrzeit nennen
- P-Wellen kaum sichtbar: im QRS versteckt oder als Pseudo-r' in V1 / Pseudo-S in II, III, aVF
- Typisch: junger Patient ohne Herzerkrankung, Palpitationen bis in den Hals, Angst, ggf. Polyurie nach längerer Episode
- Falle: exakt ~150/min → an Vorhofflattern mit 2:1-Überleitung denken
Stabil oder instabil — die erste Weiche
- Instabilitätszeichen (ERC): Schock, Synkope, myokardiale Ischämie, schwere Herzinsuffizienz → synchronisierte Kardioversion in Analgosedierung — nicht lange titrieren
- Stabil: Zeit nutzen — 12-Kanal schreiben, Zugang legen, Monitor + Defibrillator bereit, dann Stufentherapie
Stufe 1 — modifiziertes Valsalva (REVERT)
- Halbsitzend 15 Sekunden kräftig pressen (z. B. in eine 10-ml-Spritze blasen, bis sich der Stempel bewegt — entspricht ~40 mmHg)
- Sofort danach flach lagern und Beine 45° anheben für 15 Sekunden
- Konvertiert etwa 4 von 10 Patienten (REVERT-Studie: 43 % vs. 17 % beim klassischen Valsalva) — wiederholbar
- Karotissinusmassage nur einseitig, nach Auskultation, keine Strömungsgeräusche — im Rettungsdienst nachrangig
Stufe 2 — Adenosin (ärztlich)
- Schema
- 6 mg → 12 mg → 18 mg ultraschneller i.v.-Bolus (ERC; Schemata mit 12 mg als 3. Gabe existieren — lokale SOP maßgeblich)
- Technik
- großlumiger, möglichst herznaher Zugang · 3-Wege-Hahn · sofort 20 ml NaCl-Flush — zu langsame Gabe ist der häufigste Grund für Wirkungslosigkeit
- Vorbereitung
- laufender EKG-Streifen (Konversionsmoment dokumentieren!) · Defibrillator bereit · Patienten vorwarnen: kurzes heftiges Druckgefühl, „als bliebe das Herz stehen" — vergeht in Sekunden
- Kontraindikationen
- schweres Asthma · AV-Block II°/III° oder Sick-Sinus ohne Schrittmacher · Präexzitation mit Vorhofflimmern (WPW) — dort Kammerflimmern-Gefahr
- Danach
- wirkungslos trotz korrekter Technik → Diagnose überdenken (Flattern 2:1? FAT?) · Verapamil 5–10 mg langsam i.v. als ärztliche Alternative · refraktär/instabil → Kardioversion
Alle Dosierungen sind vor Anwendung gegen die aktuelle Leitlinie, die Fachinformation und die lokale SOP zu prüfen. Adenosin und Verapamil sind in AT/DE ärztliche Maßnahmen.
Selbsttest Silber
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Junger Patient, Puls 190, regelmäßig, schmale Komplexe, Beginn „wie ein Schalter". Was ist die wahrscheinlichste Diagnose — und was ist der erste Therapieschritt beim stabilen Patienten?Aufdecken
2 Warum wird Adenosin als ultraschneller Bolus mit sofortigem NaCl-Flush über einen herznahen Zugang gegeben?Aufdecken
3 Die Tachykardie läuft mit exakt 150/min. Warum ist das ein Warnsignal für die Diagnose AVNRT?Aufdecken
4 Wann ist bei der Schmalkomplextachykardie sofortige Kardioversion statt Stufentherapie indiziert?Aufdecken
5 Warum gehören 12-Kanal-EKGs vor UND nach der Konversion zur Therapie dazu?Aufdecken
Du erkennst die regelmäßige Schmalkomplextachykardie, trennst stabil von instabil, führst das modifizierte Valsalva korrekt durch, bereitest die Adenosingabe technisch richtig vor und sicherst die Diagnose mit EKGs vor und nach Konversion.
Der Mechanismus
Die AVNRT existiert, weil manche AV-Knoten zwei Eingänge haben: eine schnelle Bahn mit langer Erholungszeit und eine langsame Bahn mit kurzer. Eine einzige Extrasystole zum falschen Zeitpunkt macht aus diesen zwei Bahnen einen Kreisverkehr.
Wie der Kreisel startet
- Eine Vorhof-Extrasystole trifft ein, während der Fast Pathway noch refraktär ist — sie läuft antegrad über den Slow Pathway
- Unten angekommen ist der Fast Pathway wieder erholt — die Erregung läuft retrograd über ihn zurück in den Vorhof
- Der Kreis schließt sich: antegrad slow, retrograd fast — die typische AVNRT (Slow-Fast). Kammern und Vorhöfe werden fast gleichzeitig aktiviert
- Deshalb das EKG-Bild: RP < 70 ms, P im oder direkt hinter dem QRS — als Pseudo-r' (V1) oder Pseudo-S (II, III, aVF)
Das Koch-Dreieck — die Anatomie des Kreisels
- Begrenzung: Todaro-Sehne · septaler Trikuspidalanulus · Koronarsinus-Ostium; an der Spitze das His-Bündel
- Der Slow Pathway zieht am Boden des Dreiecks entlang — dort setzt die Slow-Pathway-Ablation an
- Wichtig für jede Grafik: Das ist Funktionsanatomie im rechten Vorhofseptum — keine von außen sichtbare Struktur
Warum Valsalva und Adenosin denselben Punkt treffen
- Der AV-Knoten ist Pflichtglied des Kreises — anders als bei Vorhofflattern oder fokaler atrialer Tachykardie
- Valsalva: Pressen → Blutdruckspitze in der Entlastungsphase → Barorezeptorreflex → Vagotonus → AV-Leitung verlangsamt → der Kreis reißt. Die Beinhebung (REVERT) verstärkt den venösen Rückstrom und damit den Reflex
- Adenosin: A₁-Rezeptor am AV-Knoten → K⁺-Kanal (GIRK) öffnet → Hyperpolarisation → kurzer AV-Block → ein Schlag Pause genügt, der Sinusknoten übernimmt („chemische Kardioversion")
- Daraus folgt die Logik: Terminiert Adenosin die Tachykardie nicht, war der AV-Knoten kein Pflichtglied — die Diagnose AVNRT/AVRT wackelt
| Merkmal | AVNRT (typisch) | AVRT (orthodrom) | Flattern 2:1 | Sinustachykardie |
|---|---|---|---|---|
| Frequenz | 150–250/min | 150–250/min | ~150/min | < 220 − Alter, variabel |
| Beginn | schlagartig | schlagartig | variabel | allmählich |
| RP-Intervall | < 70 ms, P im QRS | > 70 ms, P nach QRS | Sägezahn statt P | P vor jedem QRS |
| V1 | Pseudo-r' | retrograde P | Flatterwellen | normales P |
| Adenosin | terminiert | terminiert | demaskiert nur | bremst kurz |
Beim Kreisel kontrahieren Vorhöfe und Kammern nahezu gleichzeitig — der Vorhof pumpt gegen die geschlossene AV-Klappe. Das Blut weicht rückwärts aus: sichtbar als regelmäßiges Klopfen der Halsvenen (Frog Sign), spürbar als „Pochen bis in den Hals". Längere Episoden dehnen die Vorhöfe → ANP-Ausschüttung → die typische Polyurie nach dem Anfall.
Selbsttest Gold
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Erkläre in drei Sätzen, wie aus zwei AV-Knoten-Bahnen eine Tachykardie wird.Aufdecken
2 Warum liegt die P-Welle der typischen AVNRT im oder direkt hinter dem QRS-Komplex?Aufdecken
3 Warum terminiert Adenosin die AVNRT, demaskiert aber Vorhofflattern nur?Aufdecken
4 Was verbessert das modifizierte Valsalva gegenüber dem klassischen — und über welchen Mechanismus?Aufdecken
5 Ein Patient berichtet über regelmäßiges Klopfen im Hals während der Attacke und starken Harndrang danach. Was erklärt beides?Aufdecken
Du erklärst die duale AV-Knoten-Physiologie und das Koch-Dreieck, leitest das EKG-Bild (RP < 70 ms, Pseudo-r') aus dem Mechanismus ab und begründest, warum Valsalva und Adenosin die AVNRT terminieren, Vorhofflattern aber nur demaskieren.
Die Grenzen
Master heißt: die Fälle beherrschen, in denen das Schema nicht greift — und einem Schüler in zwei Minuten erklären können, warum die AVNRT gutartig ist und sich trotzdem niemand mit ihr abfinden muss.
Typisch, atypisch — und was das klinisch ändert
| Form | Kreisrichtung | RP-Verhalten | Anteil |
|---|---|---|---|
| Typisch (Slow-Fast) | antegrad slow · retrograd fast | RP < 70 ms — P im/kurz nach QRS | ~90 % |
| Atypisch (Fast-Slow) | antegrad fast · retrograd slow | langes RP — P weit hinter dem QRS | selten |
| Slow-Slow | zwei langsame Bahnen | intermediär, schwer zuzuordnen | selten |
- Die atypische AVNRT imitiert im EKG eine fokale atriale Tachykardie oder ein orthodromes AVRT — die sichere Zuordnung gelingt oft erst in der elektrophysiologischen Untersuchung
- Für die Präklinik gilt: Die Akuttherapie ist identisch — die Unterscheidung ändert am Einsatzort nichts, auf dem Befund aber viel
Sonderfälle, die den Unterschied machen
- Schwangerschaft
- Valsalva zuerst; Adenosin gilt wegen der ultrakurzen Wirkdauer als einsetzbar (ärztliche Einzelfallentscheidung); Kardioversion bei Instabilität in jedem Trimenon möglich
- Herztransplantierte
- denerviertes Herz → Adenosin-Übersensitivität: Dosis deutlich reduzieren (Start z. B. 3 mg) — oder ganz vermeiden, je nach SOP
- Schweres Asthma
- Adenosin kontraindiziert (Bronchospasmus über A₂) → Verapamil/Diltiazem bei erhaltener LV-Funktion als ärztliche Alternative
- Theophyllin/Koffein
- Adenosinrezeptor-Antagonisten → Wirkung abgeschwächt; Koffein-Anamnese erheben
- Dipyridamol/Ticagrelor
- hemmen die Adenosin-Wiederaufnahme → Wirkung massiv verstärkt, Dosis reduzieren
- Präexzitiertes Vorhofflimmern
- breit + unregelmäßig: JEDER AV-Knoten-Blocker (Adenosin, Verapamil, Betablocker, Digoxin) kontraindiziert → Kardioversion
Die Evidenz hinter den Stufen
- Modifiziertes Valsalva: REVERT (Lancet 2015, n = 428) — Konversion 43 % vs. 17 %, NNT ≈ 4, ohne Nebenwirkungsrisiko
- Adenosin 6 → 12 → 18 mg: ERC-Stufenschema; terminiert AV-Knoten-abhängige Reentrys in > 90 % bei korrekter Bolustechnik
- Verapamil/Diltiazem: vergleichbare Terminierungsraten, aber längere Wirkdauer und Hypotonierisiko — zweite Wahl nach Adenosin (ESC 2019)
- Synchronisierte Kardioversion: Reserve für Instabilität oder Therapieversagen; schmale regelmäßige Tachykardien brechen bereits auf niedrige biphasische Energien (ERC: initial 70–120 J, dann eskalieren — Gerätevorgabe beachten)
- Slow-Pathway-Ablation: ESC 2019 Klasse I bei rezidivierender AVNRT — Erfolg ~97 %, Risiko eines AV-Blocks mit Schrittmacherpflicht < 1 %
- Medikamentöse Dauertherapie (Betablocker, Verapamil/Diltiazem): nur noch IIa — das Downgrade der ESC 2019 zugunsten der Ablation
Erstens: „Adenosin hat nicht gewirkt" — in der Mehrzahl war die Gabe zu langsam oder der Zugang zu weit peripher. Technik vor Dosis.
Zweitens: Die 150/min-Tachykardie als AVNRT behandeln und das 2:1-Flattern übersehen — der Konversionsstreifen hätte es gezeigt.
Drittens: Nach gelungener Konversion auf das zweite 12-Kanal-EKG verzichten — und die Delta-Welle des WPW übersehen, die aus dem „harmlosen" Fall einen abklärungspflichtigen macht.
Selbsttest Master
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Ein Kollege sagt: „Adenosin hat nicht gewirkt, also war es keine AVNRT." Wie differenzierst du diese Aussage?Aufdecken
2 Warum ist beim breiten, unregelmäßigen Tachykardie-EKG jeder AV-Knoten-Blocker kontraindiziert?Aufdecken
3 Welche Therapieempfehlung der ESC 2019 hat die Langzeitstrategie der AVNRT grundlegend verändert?Aufdecken
4 AVNRT bei einer herztransplantierten Patientin — was änderst du an der Standard-Stufentherapie und warum?Aufdecken
5 Wie erklärst du einem Schüler in zwei Minuten den Unterschied zwischen typischer und atypischer AVNRT — und warum er präklinisch nicht therapieentscheidend ist?Aufdecken
Du unterscheidest typische und atypische Formen, beherrschst die Sonderfälle (Transplantation, Asthma, Präexzitation, Schwangerschaft), kennst die Evidenz jeder Therapiestufe samt ESC-Empfehlungsklassen und kannst das Reentry-Prinzip an der AVNRT lehren.