STATUS3 Grundlagen · Aktionspotenzial
Elektrophysiologie · Vaughan-Williams

Das Aktionspotenzial

Warum senkt ein Betablocker die Frequenz, ohne den Kammerkomplex zu verbreitern — und warum verlängert Amiodaron die QT-Zeit? Beide Antworten stehen in derselben Kurve. Man muss nur wissen, welche Zelle man ansieht.

Schwelle
vollständig
Wirkstoff auf diese Zelle anwenden
Ohne Bewegung: Die Kurve wird vollständig gezeichnet, die gestrichelte Linie zeigt stets den unbeeinflussten Verlauf zum Vergleich. Alle Aussagen zu Wirkung, Dauer und Frequenz stehen zusätzlich als Text im Befundfeld darunter.
Warum zwei Zellen

Dieselbe Substanz, zwei Wirkungen

Der häufigste Denkfehler bei Antiarrhythmika ist die Annahme, ein Medikament wirke überall gleich. Es wirkt dort, wo der Kanal sitzt, den es blockiert — und die beiden Zelltypen des Herzens benutzen unterschiedliche Kanäle für denselben Zweck.

Der entscheidende Unterschied

Im Arbeitsmyokard wird der Aufstrich von schnellen Natriumkanälen getragen. Das Potenzial springt in ein bis zwei Millisekunden von −90 auf etwa +25 mV. Deshalb ist der Kammerkomplex im EKG schmal: Die Erregung läuft rasend schnell durch das Gewebe.

In der Schrittmacherzelle gibt es diese schnellen Natriumkanäle praktisch nicht. Der Aufstrich wird von Kalzium getragen und ist dadurch träge. Dafür hat sie etwas, das dem Arbeitsmyokard fehlt: ein instabiles Ruhepotenzial. Nach jeder Repolarisation beginnt die Zelle sofort wieder langsam zu depolarisieren — getragen vom Funny Current und von Kalzium. Erreicht sie die Schwelle, löst sie den nächsten Schlag aus.

Der Satz, aus dem alles folgt

Die Steigung der Phase 4 bestimmt die Herzfrequenz. Wird sie flacher, braucht die Zelle länger bis zur Schwelle — der Puls sinkt. Wird sie steiler, steigt er. Fast jedes frequenzsenkende Medikament greift genau hier an, und nirgends sonst.

Was daraus für die vier Klassen folgt

KlasseBlockiertSchrittmacherzelleArbeitsmyokard
I — LidocainNatriumkanalkaum Wirkung — der Aufstrich läuft hier über KalziumPhase 0 etwas flacher, Dauer verkürzt; wirkt bevorzugt in ischämischem Gewebe
II — Metoprololβ₁-RezeptorPhase 4 flacher → Frequenz sinkt, AV-Überleitung langsamerForm kaum verändert — deshalb bleibt der QRS schmal
III — AmiodaronKaliumkanalRepolarisation länger, zusätzlich frequenzsenkendPhase 3 deutlich verlängert → längere Aktionspotenzialdauer → längere QT-Zeit
IV — VerapamilKalziumkanalAufstrich flacher und Phase 4 flacher → stark frequenz- und überleitungssenkendPlateau niedriger → geringere Kontraktilität
DigoxinNa⁺/K⁺-ATPaseindirekt über Vagusaktivierung: Phase 4 flacher, AV-Knoten gebremstDauer leicht verkürzt, Kontraktilität steigt
Cave · warum Klasse III die QT verlängert

Amiodaron blockiert die Kaliumkanäle der Repolarisation. Die Zelle braucht länger zurück zum Ruhepotenzial — im EKG zeigt sich das als verlängerte QT-Zeit. Genau darin liegt seine Wirkung, und genau darin liegt sein Risiko: Bei zusätzlicher QT-Verlängerung durch andere Substanzen, Hypokaliämie oder Hypomagnesiämie kann daraus eine Torsade de pointes entstehen.

Merke

„Betablocker bremsen den Taktgeber, nicht den Muskel. Amiodaron verlängert den Muskel, nicht nur den Takt."

Grundlage: Kardiale Elektrophysiologie nach der Vaughan-Williams-Klassifikation in der überarbeiteten Fassung (Lei, Huang et al., Journal of Physiology 2018) · ESC-Leitlinie Vorhofflimmern 2024 · ESC-Leitlinie ventrikuläre Arrhythmien 2022 · ERC Guidelines 2025. Geprüft Juli 2026.

Zur Darstellung: Die Kurven sind maßstäbliche, didaktisch vereinfachte Modelle typischer Aktionspotenziale — keine Messdaten eines einzelnen Patienten. Spannungs- und Zeitachsen entsprechen den üblichen Bereichen; die Wirkstoffeffekte zeigen Richtung und Größenordnung der dokumentierten Veränderung, nicht individuell vorhersagbare Werte.

Keine Handlungsanweisung. Dosierungen und Indikationen stehen in den jeweiligen Wirkstoff- und Kapitelseiten und sind vor Anwendung zu prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.