◆ Teil III · Kardiozirkulatorisch KAP. III.4
Peri-Arrest-Arrhythmien
Kernbotschaft: Zuerst der Patient, dann der Rhythmus. Instabil? → sofort handeln (Pacing bzw. synchronisierte Kardioversion). Stabil? → Zeit für Diagnostik.
◎ Lernziele
- anhand der vier Instabilitätskriterien sofort über „stabil vs. instabil" entscheiden.
- den Bradykardie- und den Tachykardie-Algorithmus samt Dosierungen anwenden.
- Schmal- vs. Breitkomplex und regelmäßig vs. unregelmäßig einordnen und Torsade erkennen & behandeln.
4 Instabilitätskriterien
Schock · Synkope · Myokardischämie · Herzinsuffizienz. Mindestens eines vorhanden → der Patient ist instabil, Rhythmus muss sofort terminiert werden. Immer parallel: ABCDE, O₂ bei Hypoxie, i.v.-Zugang, 12-Kanal-EKG, reversible Ursachen.
1 Bradykardie — Algorithmus
Bradykardie (< 50/min) · ABCDE · O₂ · i.v. · 12-Kanal-EKG
Instabilitätskriterium vorhanden?
JA · instabil
Atropin 500 µg → max. 3 mg
NEIN · stabil
Beobachten · Risiko prüfen
Ansprechen / ausreichend?
Nein → transkutanes Pacing · Isoprenalin/Adrenalin-Infusion · Expertenhilfe (transvenöses Pacing)
⚠
Cave Atropin
- Kein Atropin bei höhergradigem AV-Block mit breitem QRS — unwirksam, kann Block verschlechtern → direkt Pacing/Katecholamine.
- Bei β-Blocker-/Kalziumantagonist-Intoxikation: Glukagon bzw. Kalzium erwägen.
⛒
Asystolie-Risiko — auch bei (noch) stabilem Patienten behandeln
- kürzliche Asystolie · Mobitz II · AV-Block III° (v. a. breiter QRS) · ventrikuläre Pause > 3 s
2 Tachykardie — instabil zuerst
Instabil (Schock/Synkope/Ischämie/Herzinsuffizienz)?
Synchronisierte DC-Kardioversion (biphasisch, eskalierend) unter Analgosedierung — bis zu 3 Versuche. Erfolglos → Amiodaron 300 mg i.v. über 10–20 min, dann erneute Kardioversion; anschließend Amiodaron 900 mg / 24 h.
3 Stabile Tachykardie — QRS entscheidet
Wie bei „schockbar / nicht-schockbar" trennt ein Kriterium die Wege: die QRS-Breite (Grenze 0,12 s).
SCHMAL · QRS < 0,12 s
meist supraventrikulär
Regelmäßig: Vagusmanöver → Adenosin 6 → 12 → 18 mg rasch i.v. + Flush
Kein Erfolg / Vorhofflattern → Frequenzkontrolle (β-Blocker)
Unregelmäßig: meist Vorhofflimmern → Frequenzkontrolle (β-Blocker / Diltiazem)
Onset < 48 h → Kardioversion erwägen · Antikoagulation bedenken
BREIT · QRS ≥ 0,12 s
bis zum Beweis VT
Regelmäßig: am ehesten VT → Amiodaron 300 mg i.v. über 20–60 min
Gesicherte SVT + Schenkelblock → wie schmal-regelmäßig
Unregelmäßig: Expertenhilfe — VHF+Schenkelblock, präexzitiertes VHF, polymorphe VT
Präexzitiertes VHF: keine AV-Knoten-Blocker (Adenosin/β-Blocker/Verapamil/Digoxin)
▲ Breit + regelmäßig = VT behandeln · Breit + unregelmäßig = Expertenhilfe (Torsade denken) ▲
4 Torsade de pointes — polymorphe VT
Erkennen & sofort behandeln
Spindelförmig um die Grundlinie „tanzende" breite QRS bei verlängertem QT. Kann in Kammerflimmern übergehen — bei Pulslosigkeit sofort Defibrillation + ALS.
Magnesium 2 g i.v. über 10 minQT-verlängernde Medikamente stoppenK⁺ & Mg²⁺ korrigieren
Rezidivierend / bradykardieabhängig → Overdrive-Pacing oder Isoprenalin (Frequenz anheben).
5 Dosierungen
Erwachsene. Immer gegen ERC 2025 / lokale SOP prüfen.
Atropin Bradykardie
- Einzeldosis
- 500 µg i.v.
- Wiederholung
- alle 3–5 min
- Maximum
- 3 mg gesamt
- Nicht bei
- AV-Block III° + breiter QRS
Adenosin schmal · regelm.
- Schema
- 6 → 12 → 18 mg
- Gabe
- rasch i.v. + NaCl-Flush
- Warnung
- kurze Asystolie, Flush
- Cave
- Asthma · präexzit. VHF
Amiodaron breit · VT
- Bolus
- 300 mg i.v.
- Infusionszeit
- 20–60 min (stabil)
- Erhaltung
- 900 mg / 24 h
- Weg
- möglichst ZVK/groß
Magnesiumsulfat Torsade
- Dosis
- 2 g (8 mmol)
- Infusionszeit
- über 10 min i.v.
- Indikation
- Torsade / polymorphe VT
- Plus
- Elektrolyte korrigieren
6 Pitfalls, Retrieval & Take-Home
⚠
PITFALLS
- Atropin bei AV-Block III° mit breitem QRS — unwirksam, verschlimmert ggf.
- AV-Knoten-Blocker (Adenosin/Verapamil) bei präexzitiertem VHF — gefährlich
- Adenosin ohne raschen Flush → wirkt nicht (extrem kurze HWZ)
- Instabile Tachykardie medikamentös „probieren" statt zu kardiovertieren
- Torsade: QT-verlängernde Medikamente übersehen / Elektrolyte nicht korrigiert
✎ Recall
Welche vier Kriterien machen einen Patienten „instabil"?
Schock, Synkope, Myokardischämie, Herzinsuffizienz — eines genügt → sofortige Terminierung (Pacing bzw. synchronisierte Kardioversion).
Stabile Breitkomplex-Tachykardie, regelmäßig — was?
Als VT behandeln → Amiodaron 300 mg i.v. über 20–60 min.
Erstlinientherapie bei Torsade de pointes?
Magnesium 2 g i.v. über 10 min, QT-verlängernde Medikamente stoppen, K⁺/Mg²⁺ korrigieren.
Adenosin-Schema bei schmaler, regelmäßiger SVT?
6 → 12 → 18 mg rasch i.v. mit Flush, nach Vagusmanövern.
✔
TAKE-HOME
- Instabil → Brady: Pacing-Weg · Tachy: synchronisierte Kardioversion. Nicht lange zögern.
- Stabil → Zeit für 12-Kanal-EKG. Tachy: QRS-Breite teilt schmal/breit.
- Atropin 500 µg (max 3 mg) — nicht bei AV-III° mit breitem QRS.
- Torsade = Magnesium 2 g + Elektrolyte + QT-Trigger stoppen.