ALS — nicht schockbarer Rhythmus
Hier gibt es nichts zu defibrillieren. Damit fällt die wirksamste Therapie weg — und zwei Dinge rücken an ihre Stelle: Adrenalin sofort, sobald ein Zugang liegt, und die Suche nach der Ursache. Bei der pulslosen elektrischen Aktivität ist diese Suche nicht Beiwerk, sondern die eigentliche Behandlung. Ein Herz, das noch elektrisch arbeitet, aber keinen Auswurf erzeugt, hat fast immer einen Grund dafür — und der ist oft behebbar.
Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.
Der Ablauf
Asystolie oder pulslose elektrische Aktivität. Kein Schock. Die Herzdruckmassage läuft durch, das Adrenalin kommt so früh wie möglich — und parallel dazu sucht jemand die Ursache. Diese drei Dinge laufen gleichzeitig, nicht nacheinander.
Die Schrittfolge
| Schritt | Was | Warum |
|---|---|---|
| sofort | Adrenalin 1 mg i.v./i.o., sobald ein Zugang liegt | es gibt keinen Schock — die Vasokonstriktion ist die einzige pharmakologische Option, um den koronaren Perfusionsdruck zu heben |
| CPR | 2 Minuten durchgehend | |
| Analyse | unter 5 Sekunden | jede Pause senkt den koronaren Perfusionsdruck |
| CPR | 2 Minuten | in jeder zweiten Phase Adrenalin |
| parallel | 4H und 4T durchgehen | bei PEA ist das Beheben der Ursache die eigentliche Therapie |
Medikamente
- Adrenalin
- 1 mg i.v./i.o. sofort, dann alle 3–5 min
- Amiodaron
- keine Indikation
- Atropin
- nicht mehr empfohlen
- Natriumbicarbonat
- nur bei dokumentierter Hyperkaliämie oder Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva
- Kalziumchlorid
- nur bei gesicherter Hyperkaliämie, Hypokalzämie oder Kalziumantagonisten-Intoxikation
Amiodaron wirkt antiarrhythmisch: Es stabilisiert ein Myokard, damit ein Schock greifen kann.
Bei Asystolie gibt es keinen Rhythmus, der stabilisiert werden könnte. Bei PEA gibt es keinen, der die Ursache wäre.
Wer hier Amiodaron gibt, behandelt ein Problem, das nicht vorliegt.
Schockbar: Der Strom ist die Therapie. Das Medikament wartet bis nach dem dritten Schock.
Nicht schockbar: Es gibt keinen Strom. Das Medikament kommt sofort.
Merkhilfe: Schau — Schock oder Stich? Wer den Rhythmus benannt hat, hat das Timing schon entschieden.
Was parallel läuft
- Zugang: i.v. oder i.o. — er ist hier dringender als beim schockbaren Rhythmus, weil ohne ihn gar keine Therapie stattfindet
- Atemweg sichern, danach kontinuierliche Kompressionen statt 30:2
- Kapnographie anschließen
- Jemand geht laut die 4H und 4T durch — nicht im Kopf, sondern hörbar für das Team
Eine flache Linie kann auch ein feines Kammerflimmern sein, das in der gewählten Ableitung nicht sichtbar ist.
Ableitung wechseln, Verstärkung prüfen, Elektrodenkontakt kontrollieren.
Im Zweifel weiter nach dem nicht-schockbaren Weg — aber die Frage muss gestellt worden sein.
Selbsttest Silber
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Wann bekommt ein Patient mit Asystolie das erste Adrenalin?Aufdecken
2 Dein Kollege zieht bei Asystolie Amiodaron auf. Was sagst du?Aufdecken
3 Warum ist Atropin nicht mehr im Algorithmus?Aufdecken
4 Der Monitor zeigt eine flache Linie. Bist du sicher, dass es Asystolie ist?Aufdecken
Du kannst den nicht-schockbaren Weg sicher abarbeiten und kennst den Kontrast zum schockbaren. Die nächste Stufe geht an die Ursachensuche — den Teil, der bei PEA über Leben und Tod entscheidet.
Die Ursache
Bei der pulslosen elektrischen Aktivität arbeitet das Herz elektrisch weiter, erzeugt aber keinen Auswurf. Das hat fast immer einen Grund. Kompressionen und Adrenalin überbrücken nur die Zeit — die Behandlung ist das Beheben der Ursache.
Die 4 H
| Ursache | Woran du sie erkennst | Was du tust |
|---|---|---|
| Hypoxie | vorangegangene Atemnot, Ersticken, Verlegung; niedriges etCO₂ trotz guter Kompressionen | Atemweg sichern, mit Sauerstoff beatmen, Tubuslage per Kapnographie bestätigen |
| Hypovolämie | Trauma, sichtbare oder innere Blutung, Exsikkose, Anaphylaxie | Volumen, Blutungskontrolle, bei Anaphylaxie Adrenalin |
| Hypo- und Hyperkaliämie, andere Elektrolytstörungen | Dialysepatient, Nierenversagen, Crush, bekannte Störung | bei gesicherter Hyperkaliämie Kalzium und weitere Maßnahmen nach SOP |
| Hypothermie | Auffindesituation, Ertrinken, Lawine, kalte Haut | aktiv erwärmen, Reanimation deutlich länger fortführen |
| (Hypoglykämie) | Diabetes, vorangegangene Verwirrtheit | Blutzucker messen, Glukose geben |
Die 4 T
| Ursache | Woran du sie erkennst | Was du tust |
|---|---|---|
| Thrombose koronar — Myokardinfarkt | vorangegangener Brustschmerz, bekannte KHK | nach ROSC 12-Kanal-EKG, Reperfusion |
| Thrombose pulmonal — Lungenembolie | plötzliche Atemnot, Immobilisation, Beinschwellung, Operation | Lyse erwägen — danach Reanimation mindestens 60–90 Minuten fortführen |
| Tension-Pneumothorax | Trauma, Beatmung gegen hohen Widerstand, einseitig fehlendes Atemgeräusch, Halsvenenstauung | sofortige Entlastung — nicht auf Bildgebung warten |
| Tamponade | Thoraxtrauma, Stichverletzung, vorangegangener Eingriff am Herzen | Entlastung, Ultraschall wenn verfügbar |
Bei Spannungspneumothorax, Tamponade, Hypovolämie und Hyperkaliämie ist das Beheben der Ursache die Therapie.
Kompressionen und Adrenalin halten den Patienten nur so lange, bis jemand die Ursache gefunden hat.
Ein Stillstand mit behebbarer Ursache ist genau so lange behebbar, wie jemand danach sucht.
Die Kapnographie als Wegweiser
- Sehr niedriges etCO₂ trotz guter Kompressionen spricht für einen schlechten Auswurf — Hypovolämie, Tamponade, Spannungspneumothorax oder Lungenembolie rücken nach oben
- Ein plötzlicher deutlicher Anstieg ist oft das erste Zeichen eines wiedererlangten Kreislaufs, noch vor dem tastbaren Puls
- Sie bestätigt die Tubuslage — als einzige belastbare Methode
Hypothermie: Ein unterkühlter Patient ist erst warm und tot für tot zu erklären. Die Reanimation wird deutlich länger fortgeführt.
Nach Lyse bei Lungenembolie: mindestens 60 bis 90 Minuten weiter, weil das Lysemittel Zeit braucht.
Wer hier nach der üblichen Dauer abbricht, hat die Therapie begonnen, aber nicht zu Ende geführt.
Übergabe nach ISBAR
- Identifikation — wer übergibt, wer ist der Patient
- Situation — beobachteter Stillstand? Ersthelfer-CPR? Erster dokumentierter Rhythmus?
- Background — Vorerkrankungen, Dialyse, Antikoagulation, Ereignis vor dem Kollaps
- Assessment — Downtime, Adrenalingaben mit Uhrzeit, welche der 4H/4T ausgeschlossen oder behandelt wurden
- Recommendation — was jetzt gebraucht wird
Der Punkt, der bei nicht-schockbarem Rhythmus besonders zählt: welche reversiblen Ursachen ihr schon abgearbeitet habt. Sonst beginnt das aufnehmende Team von vorn und verliert Zeit, die der Patient nicht hat.
Selbsttest Gold
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum ist die Ursachensuche bei PEA wichtiger als bei Asystolie?Aufdecken
2 Das etCO₂ liegt bei 8 mmHg, obwohl gut gedrückt wird. Was denkst du?Aufdecken
3 Beatmung gegen hohen Widerstand, einseitig fehlendes Atemgeräusch, gestaute Halsvenen. Was tust du?Aufdecken
4 Ein unterkühlter Patient wird seit 40 Minuten erfolglos reanimiert. Abbrechen?Aufdecken
5 Welcher Punkt gehört bei nicht-schockbarem Rhythmus besonders in die Übergabe?Aufdecken
Du kannst die 4H und 4T nicht nur aufsagen, sondern jede einzelne am Patienten erkennen und behandeln. Die Master-Stufe geht an die Prognose und an die Frage, wann eine Reanimation endet.
Die Begründung
Der nicht-schockbare Rhythmus ist der häufigere und der mit der schlechteren Prognose. Beides hat denselben Grund — und wer ihn kennt, argumentiert im Team anders.
Warum die Prognose schlechter ist
Kammerflimmern ist ein Zustand, aus dem heraus ein geordneter Rhythmus wiederhergestellt werden kann — das Myokard arbeitet, nur ungeordnet. Asystolie und PEA sind dagegen oft der Endzustand eines Prozesses, der bereits länger läuft: Hypoxie, Blutverlust, Schock. Der schockbare Rhythmus degeneriert zudem mit der Zeit in Asystolie. Ein primär nicht-schockbarer Rhythmus bedeutet deshalb häufig eine längere Vorgeschichte — oder eine Ursache, die weiter besteht.
Die schlechtere Prognose ist kein Grund für weniger Anstrengung, sondern ein Grund für mehr Ursachensuche.
Bei PEA mit behebbarer Ursache ist die Prognose gut — vorausgesetzt, jemand findet sie rechtzeitig.
Der Unterschied zwischen einem toten und einem überlebenden PEA-Patienten ist oft nicht die Qualität der Kompressionen, sondern ob jemand an den Spannungspneumothorax gedacht hat.
Was Adrenalin leistet — und was nicht
Der belegte Effekt läuft über die α-vermittelte Vasokonstriktion: Der periphere Widerstand steigt, damit steigt der diastolische Aortendruck, und daraus folgt der koronare Perfusionsdruck — die Größe, die während der Reanimation über die Chance auf einen Kreislauf entscheidet. Das ist der Grund, warum Adrenalin beim nicht-schockbaren Rhythmus sofort gegeben wird: Es gibt keine andere Möglichkeit, diesen Druck zu erhöhen.
Was Adrenalin nicht leistet: Es macht aus einer Asystolie keinen Rhythmus und behebt keine der 4H und 4T. Die Studienlage zeigt eine höhere ROSC-Rate, während der Effekt auf das neurologisch gute Überleben deutlich schwächer ausfällt. Das ist keine Empfehlung dagegen — es ist die Erinnerung daran, dass die Ampulle nicht die Behandlung ersetzt.
Wann eine Reanimation beendet wird
Es gibt keine Zahl, die das entscheidet. Gegen einen Abbruch sprechen unter anderem:
- Hypothermie — erst warm und tot
- Intoxikation — die Substanz kann abgebaut werden
- Lungenembolie nach Lyse — mindestens 60 bis 90 Minuten
- Anhaltendes, hohes etCO₂ — es zeigt weiterhin Auswurf
- Schwangerschaft — die Entbindung ist Teil der Reanimation
- Kind, beobachteter Stillstand, kurze Downtime
Ein durchgehend sehr niedriges etCO₂ über längere Zeit trotz guter Kompressionen ist ein ungünstiges Zeichen — aber kein alleiniges Abbruchkriterium. Die Entscheidung bleibt eine klinische Gesamtbeurteilung.
Sonderfälle, in denen der Standard nicht reicht
| Situation | Was zusätzlich gilt |
|---|---|
| Hyperkaliämie, Dialysepatient | Kalzium und die weiteren Maßnahmen nach SOP — hier ist die Ursachenbehandlung entscheidend, nicht das Adrenalin |
| Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva | Natriumbicarbonat als eine der wenigen belegten Indikationen |
| Lungenembolie | Lyse erwägen, danach mindestens 60–90 Minuten weiter |
| Hypothermie | aktiv erwärmen, deutlich verlängerte Reanimation, gegebenenfalls extrakorporale Verfahren |
| Schwangerschaft ab der zweiten Hälfte | Uterus manuell nach links verlagern; die Entbindung gehört zur Reanimation |
| Trauma | die Ursache steht im Vordergrund — Blutung, Spannungspneumothorax, Tamponade; Kompressionen allein helfen bei leerem Kreislauf wenig |
Hier ist die Reihenfolge eine andere: zuerst die Ursache — Blutung stillen, Spannungspneumothorax entlasten, Volumen — dann die Kompressionen.
Herzdruckmassage auf einem leeren Kreislauf bewegt nichts. Wer beim Traumapatienten mit dem Standardalgorithmus beginnt, verliert die Zeit, in der die Ursache noch behebbar gewesen wäre.
Was gegenüber älteren Fassungen weggefallen ist
| Früher gelehrt | Heute | Begründung |
|---|---|---|
| Atropin bei Asystolie und PEA | nicht mehr empfohlen | seit ERC 2015 gestrichen, in ERC 2025 bestätigt — kein belegter Nutzen |
| Natriumbicarbonat routinemäßig | nur bei gesicherter Indikation | dokumentierte Hyperkaliämie oder Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva |
| Schrittmacher bei Asystolie | keine Routinemaßnahme | bei Asystolie ohne P-Wellen ohne belegten Nutzen |
Selbsttest Master
0 von 5Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum ist die Prognose beim nicht-schockbaren Rhythmus schlechter — und was folgt daraus praktisch?Aufdecken
2 Erkläre, wie Adrenalin während der Reanimation wirkt.Aufdecken
3 Was zeigt die Studienlage zu Adrenalin, und wie ordnest du das ein?Aufdecken
4 Warum ist beim traumatischen Kreislaufstillstand die Reihenfolge eine andere?Aufdecken
5 Nenne vier Gründe, eine Reanimation über die übliche Dauer hinaus fortzuführen.Aufdecken
Du kannst begründen, warum hier alles auf der Ursachensuche liegt — und kennst die Situationen, in denen der Standardalgorithmus allein nicht genügt.