STATUS3 Medikament · Noradrenalin
Vasopressor · überwiegend α₁-Agonist · notärztlicher Kompetenzbereich

Noradrenalin

Arterenol · 1 mg / 1 ml oder 5 mg / 5 ml

Noradrenalin verengt die Gefäße — der periphere Widerstand steigt, der Mitteldruck steigt. β₁ wirkt nur mäßig mit, β₂ praktisch gar nicht. Es behandelt den Druck über den Widerstand, nicht über den Fluss. Davor steht eine eiserne Bedingung: erst das Volumen, dann der Druck.

1 mg/ml
Ampulle
Perfusor
immer kontinuierlich
0,05–0,1
µg/kg/min Start
≥ 65 mmHg
MAP-Ziel (i. d. R.)
NA-Kompetenz
in Österreich
Wie gut kennst du Noradrenalin?

Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.

Stufe Silber

Die Karte

Noradrenalin läuft als kontinuierliche Infusion, nie als Bolus. Und es wirkt nur sinnvoll, wenn der Tank gefüllt ist.

Erst Volumen, dann Druck

Ein Vasopressor auf einen leeren Kreislauf gegeben verengt die Gefäße um zu wenig Blut. Der gemessene Druck steigt, die Organdurchblutung sinkt — vor allem an Darm, Niere und Extremitäten. Bis zur Nekrose. Volumen kommt zuerst, außer der Kreislauf bricht schneller weg, als sich Volumen geben lässt.

Anwendung

Weg
kontinuierliche Infusion, Perfusor
Startdosis
0,05–0,1 µg/kg/min
Steigerung
nach Wirkung, alle 2–5 min
Ziel
MAP in der Regel ≥ 65 mmHg
Zugang
möglichst zentral
Niemals
als Bolus

Wofür

Cave · Paravasat

Bei Austritt aus der Vene droht durch die α-vermittelte Vasokonstriktion eine lokale Gewebsnekrose. Deshalb möglichst zentraler Zugang. Läuft es peripher, dann über eine große, sicher liegende Vene mit engmaschiger Kontrolle der Einstichstelle.

Praxis · eine sinkende Frequenz ist erwartbar

Unter Noradrenalin kann die Herzfrequenz leicht sinken. Das ist der Barorezeptorreflex auf den gestiegenen Druck — und meist ein gutes Zeichen, kein Grund zur Sorge. Der Unterschied zu Adrenalin, das über β₁ die Frequenz treibt.

Selbsttest Silber

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Was muss erfüllt sein, bevor du Noradrenalin ansetzt — und warum?Aufdecken
Der Volumenstatus. Ein Vasopressor auf einen leeren Kreislauf verengt die Gefäße um zu wenig Blut: Der gemessene Druck steigt, die Organdurchblutung sinkt — an Darm, Niere und Extremitäten bis zur Nekrose. Ausnahme ist der Kreislauf, der schneller wegbricht, als sich Volumen geben lässt.
2 Wie wird Noradrenalin gegeben, und mit welchem Ziel?Aufdecken
Kontinuierlich über Perfusor, niemals als Bolus. Start bei 0,05–0,1 µg/kg/min, Steigerung nach Wirkung. Ziel ist in der Regel ein mittlerer arterieller Druck von mindestens 65 mmHg.
3 Die Herzfrequenz sinkt unter Noradrenalin. Ist das ein Problem?Aufdecken
Nein — es ist erwartbar. Der Barorezeptorreflex antwortet gegenregulatorisch auf den gestiegenen Druck. Eine stabile oder leicht fallende Frequenz ist meist ein gutes Zeichen. Der klare Unterschied zu Adrenalin, das über starkes β₁ die Frequenz treibt.
Silber erreicht

Du kannst Noradrenalin sicher ansetzen. Die nächste Stufe erklärt die Formel, aus der sich alles ableitet.

Stufe Gold

Warum es wirkt

Zwei Bausteine machen Noradrenalin vollständig verständlich: die adrenergen Rezeptoren und eine einzige Formel.

Die Formel, aus der alles folgt

MAP ≈ HZV × SVR
Mitteldruck = Herzzeitvolumen × peripherer Gefäßwiderstand

Ein niedriger Blutdruck hat damit nur zwei mögliche Ursachen: zu wenig Fluss oder zu wenig Widerstand. Im distributiven Schock — Sepsis, Anaphylaxie, neurogen — ist das Grundproblem der zusammengebrochene Widerstand, die Vasoplegie. Genau dort greift Noradrenalin an.

Merke · Druck, nicht Fluss

Noradrenalin hebt die SVR — es behandelt den Druck, nicht den Fluss. Wer ein Pumpversagen mit einem Vasopressor behandelt, erhöht die Nachlast eines ohnehin überforderten Herzens. Und es wirkt nur sinnvoll, wenn der Tank gefüllt ist.

Die Kausalkette

α₁-Aktivierung → Vasokonstriktion von Arteriolen und Venen → der systemische Gefäßwiderstand steigt und der venöse Rückstrom nimmt zu → der Mitteldruck steigt → der Perfusionsdruck lebenswichtiger Organe wird wiederhergestellt: Gehirn, Herz, Niere.

Beide Gefäßabschnitte tragen bei. Die arterielle Konstriktion hebt den Widerstand und damit den Mitteldruck. Die venöse Konstriktion presst Blut aus dem Niederdrucksystem zurück und stützt so die Vorlast und damit das Herzzeitvolumen. Der mäßige β₁-Effekt fügt etwas Inotropie hinzu, die die erhöhte Nachlast teilweise ausgleicht — deshalb bleibt das Herzzeitvolumen unter Noradrenalin meist erhalten.

Das Rezeptorprofil

RezeptorSitzt anWirkung von Noradrenalin
α₁glatte Gefäßmuskulaturstark — Vasokonstriktion, Widerstand und Mitteldruck steigen
β₁Herzmäßig — leichte Steigerung von Kraft und Frequenz
β₂Bronchien, Muskelgefäßepraktisch keine Wirkung — keine relevante Bronchodilatation

Anders als Adrenalin berührt Noradrenalin β₂ praktisch nicht: keine relevante Bronchodilatation, keine periphere β₂-Vasodilatation, kaum metabolische Effekte. Das macht das Wirkprofil schmal und gut vorhersehbar — genau das, was man bei einem Medikament will, das über Stunden läuft.

Der Barorezeptorreflex

Weil Noradrenalin den Druck stark anhebt, antwortet der Barorezeptorreflex gegenregulatorisch — die Herzfrequenz kann sogar leicht sinken. Das ist der klare Unterschied zu Adrenalin, das über starkes β₁ die Frequenz treibt. Eine stabile oder leicht fallende Frequenz unter Noradrenalin ist erwartbar.

Cave · wann Noradrenalin das Falsche ist

Beim kardiogenen Schock ist das Grundproblem der Fluss, nicht der Widerstand. Ein Vasopressor erhöht dort die Nachlast eines bereits versagenden Herzens. Er kann als Überbrückung nötig sein, um den Perfusionsdruck zu halten — aber die eigentliche Behandlung liegt woanders. Ebenso beim hypovolämen Schock: Dort fehlt Volumen, kein Gefäßtonus.

Selbsttest Gold

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Nenne die Kreislaufformel und leite daraus ab, wann Noradrenalin das richtige Medikament ist.Aufdecken
MAP ≈ HZV × SVR. Ein niedriger Druck hat nur zwei Ursachen: zu wenig Fluss oder zu wenig Widerstand. Noradrenalin hebt die SVR — es ist also richtig beim distributiven Schock mit Vasoplegie, nicht beim Pumpversagen und nicht beim Volumenmangel.
2 Wie tragen Arterien und Venen jeweils zur Wirkung bei?Aufdecken
Die arterielle Konstriktion hebt den Widerstand und damit den Mitteldruck. Die venöse Konstriktion presst Blut aus dem Niederdrucksystem zurück und stützt die Vorlast — dadurch bleibt das Herzzeitvolumen meist erhalten, obwohl die Nachlast steigt.
3 Warum ist das Wirkprofil von Noradrenalin besser vorhersehbar als das von Adrenalin?Aufdecken
Weil es β₂ praktisch nicht berührt — keine Bronchodilatation, keine periphere β₂-Vasodilatation, kaum metabolische Effekte wie Hyperglykämie oder Laktatanstieg. Der Wirkbereich ist schmal, und das ist bei einer Substanz, die über Stunden läuft, ein Vorteil.
4 Warum ist Noradrenalin beim kardiogenen Schock problematisch?Aufdecken
Weil dort das Grundproblem der Fluss ist, nicht der Widerstand. Ein Vasopressor erhöht die Nachlast eines bereits versagenden Herzens. Als Überbrückung zum Halten des Perfusionsdrucks kann er nötig sein — die eigentliche Behandlung liegt aber woanders.
Gold erreicht

Du kannst begründen, wann Noradrenalin das richtige Medikament ist und wann nicht. Die Master-Stufe geht an die Signalwege und an die Frage, warum es peripher überhaupt laufen darf.

Stufe Master

Bis auf den Rezeptor

Was man wissen muss, um es zu unterrichten — und um die Grenzen des Vasopressors zu erkennen, bevor man sie überschreitet.

Der Signalweg

Der α₁-Rezeptor koppelt über das Gq-Protein an die Phospholipase C. Aus Phosphatidylinositol entstehen IP₃ und Diacylglycerol. IP₃ setzt Kalzium aus dem sarkoplasmatischen Retikulum frei, Diacylglycerol aktiviert die Proteinkinase C. Das freigesetzte Kalzium bindet an Calmodulin, aktiviert die Myosin-Leichtketten-Kinase — die glatte Gefäßmuskelzelle kontrahiert.

Das unterscheidet α₁ grundlegend von den β-Rezeptoren, die über Gs und cAMP arbeiten. Zwei verschiedene Sprachen im selben Nervensystem — und der Grund, warum ein Betablocker die Vasokonstriktion nicht aufhebt.

Pharmakokinetik

Die Plasmahalbwertszeit liegt bei etwa zwei Minuten. Abgebaut wird Noradrenalin über COMT und MAO, außerdem wird es präsynaptisch wieder aufgenommen. Daraus folgt unmittelbar, warum es kontinuierlich laufen muss: Ein Bolus wäre nach Minuten verschwunden, hätte aber in der Spitze eine gefährliche Druckspitze erzeugt.

Die kurze Halbwertszeit ist zugleich der große Vorteil: Die Substanz ist fein steuerbar. Wer die Laufrate ändert, sieht die Wirkung innerhalb weniger Minuten — und wer sie abstellt, ist sie ebenso schnell wieder los.

Zwei Minuten Halbwertszeit heißt zweierlei:
Es muss laufen — und es lässt sich steuern.

Peripher oder zentral

Klassisch gilt der zentrale Zugang als Voraussetzung, wegen des Nekroserisikos bei Paravasat. Neuere Daten zeigen, dass eine periphere Gabe über begrenzte Zeit vertretbar ist, wenn definierte Bedingungen erfüllt sind: eine große, sicher liegende Vene möglichst proximal, engmaschige Kontrolle der Einstichstelle, begrenzte Dauer und Konzentration.

Für den Rettungsdienst ist das die relevante Realität — ein zentraler Zugang ist präklinisch selten. Bei Paravasat ist Phentolamin als lokale α-Blockade das beschriebene Gegenmittel.

Wenn Noradrenalin nicht mehr wirkt

Bei fortgeschrittenem septischem Schock kann eine Katecholaminresistenz auftreten: Trotz steigender Dosis bleibt der Druck niedrig. Beteiligt sind unter anderem eine Azidose, die die Rezeptoransprechbarkeit senkt, eine Herunterregulation der Rezeptoren selbst, ein Kortisolmangel und eine massive Stickstoffmonoxid-Freisetzung.

Praktisch heißt das: Wenn die Dosis immer weiter steigt, ist die Frage nicht „mehr davon“, sondern „was fehlt sonst noch“ — Volumen, Azidoseausgleich, Kalzium, Hydrocortison, oder eine ganz andere Diagnose.

Das MAP-Ziel — ein Streitfall

Der Zielwert von 65 mmHg ist ein Richtwert, kein Naturgesetz. Bei chronisch hypertensiven Patienten kann ein höherer Druck nötig sein, um die Nierendurchblutung zu erhalten, weil die Autoregulation nach oben verschoben ist. Umgekehrt bringt ein höheres Ziel bei anderen nur mehr Vasokonstriktion ohne Gewinn — und mehr Rhythmusstörungen.

Für den Unterricht ist das ein guter Punkt: Der Zielwert ist ein Ausgangspunkt für die Beurteilung, kein Ersatz dafür. Rekapillarisierung, Bewusstsein und Urinausscheidung sagen mehr als eine Zahl.

Die fünf Kernsätze

Merksatz für den Unterricht

„Fülle den Tank, bevor du die Leitung zudrehst.“

Selbsttest Master

0 von 4

Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Über welchen Signalweg führt α₁ zur Kontraktion — und wie unterscheidet er sich von β?Aufdecken
α₁ koppelt über Gq an die Phospholipase C → IP₃ und Diacylglycerol → Kalziumfreisetzung → Calmodulin → Myosin-Leichtketten-Kinase → Kontraktion. β-Rezeptoren arbeiten dagegen über Gs und cAMP. Zwei verschiedene Wege im selben System.
2 Warum muss Noradrenalin kontinuierlich laufen?Aufdecken
Weil die Halbwertszeit nur etwa zwei Minuten beträgt — Abbau über COMT und MAO plus präsynaptische Wiederaufnahme. Ein Bolus wäre nach Minuten weg, hätte aber in der Spitze eine gefährliche Druckspitze erzeugt. Dieselbe kurze Halbwertszeit macht die Substanz fein steuerbar.
3 Die Noradrenalindosis steigt immer weiter, der Druck bleibt niedrig. Woran denkst du?Aufdecken
An Katecholaminresistenz. Beteiligt sind Azidose (senkt die Rezeptoransprechbarkeit), Herunterregulation der Rezeptoren, Kortisolmangel und massive NO-Freisetzung. Die Frage ist dann nicht „mehr davon“, sondern was sonst noch fehlt — Volumen, Azidoseausgleich, Kalzium, Hydrocortison, oder eine andere Diagnose.
4 Warum ist ein MAP-Ziel von 65 mmHg nicht für jeden Patienten richtig?Aufdecken
Weil bei chronisch hypertensiven Patienten die Autoregulation nach oben verschoben ist — sie brauchen unter Umständen einen höheren Druck für die Nierendurchblutung. Bei anderen bringt ein höheres Ziel nur mehr Vasokonstriktion und mehr Rhythmusstörungen. Rekapillarisierung, Bewusstsein und Urinausscheidung sagen mehr als die Zahl.
Master erreicht

Du kennst Noradrenalin bis auf den Signalweg — und weißt, wann die Antwort nicht mehr Dosis heißt.

Wo es vorkommt

Noradrenalin im Einsatz

Quellen & Stand: Surviving Sepsis Campaign · ERC Guidelines 2025 (Post-Resuscitation Care) · ÖRK-Arzneimittelliste und PAX-Kompendium (Arterenol 1 mg/1 ml) · Fachinformation Noradrenalin. In Österreich dem notärztlichen Kompetenzbereich zugeordnet. Region Österreich. Geprüft Juli 2026.

Lern- und Lehrhilfe — kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und individuelle ärztliche Entscheidung. Laufraten und Verdünnung vor Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.