STATUS3 Medikament · Naloxon
Reiner kompetitiver Opioidrezeptor-Antagonist · Antidot

Naloxon

Narcanti · Ampulle 0,4 mg / 1 ml

Naloxon verdrängt das Opioid vom µ-Rezeptor und hebt damit die lebensbedrohliche Atemdepression auf. Daraus folgen die zwei Sätze, die alles zusammenhalten: Titrieren statt aufwecken — und Naloxon wirkt kürzer als die meisten Opioide.

0,4 mg/ml
Konzentration
0,04–0,1 mg
Startdosis i.v.
1–2 min
Wirkeintritt i.v.
30–90 min
Wirkdauer
AML II
Ampullarium AT
Wie gut kennst du Naloxon?

Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.

Stufe Silber

Die Karte

Das Ziel ist nicht der wache Patient, sondern die ausreichende Spontanatmung. Wer auf Wachheit dosiert, dosiert zu viel.

Dosierung

Behandlungsziel
ausreichende Spontanatmung
Start i.v.
0,04–0,1 mg
Wiederholung
alle 2–3 min bis zur Wirkung
Wirkeintritt i.v.
1–2 min
Ohne Zugang i.m.
0,4 mg
Intranasal
2 mg Fixdosis, ggf. wiederholen
Wirkdauer
nur 30–90 min
Praxis · titrieren, nicht aufwecken

Verdünn die Ampulle auf 10 ml (0,04 mg/ml) und gib milliliterweise gegen die Atmung. Das Ziel ist eine Atemfrequenz und Atemtiefe, die reicht — nicht ein wacher Patient. Wer den Patienten vollständig aufweckt, löst einen akuten Entzug aus: Erbrechen mit Aspirationsgefahr, Agitation, Schmerz, Blutdruckkrise. Bis der Zugang liegt, wird beatmet — Beutel-Masken-Beatmung ist die eigentliche Erstmaßnahme.

Die gefährlichste Eigenschaft · Re-Narkotisierung

Naloxon wirkt 30 bis 90 Minuten. Die meisten Opioide wirken länger. Heroin, Methadon, Fentanylpflaster und retardierte Präparate überdauern die Antidotwirkung deutlich.

Wenn Naloxon verschwindet und das Opioid noch da ist, kehrt die Atemdepression zurück — beim scheinbar wachen Patienten, oft erst nach dem Transport. Deshalb: Jeder Patient nach Naloxon muss überwacht und transportiert werden. Eine Ablehnung des Transports ist nach Naloxongabe eine gefährliche Situation und gehört dokumentiert.

Woran man die Opioidintoxikation erkennt

Selbsttest Silber

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Was ist das Behandlungsziel bei der Naloxongabe — und was ausdrücklich nicht?Aufdecken
Ziel ist die ausreichende Spontanatmung. Nicht der wache Patient. Wer auf Wachheit titriert, löst einen akuten Entzug aus — Erbrechen mit Aspirationsgefahr, Agitation, Blutdruckkrise.
2 Wie titrierst du intravenös?Aufdecken
Ampulle auf 10 ml verdünnen (0,04 mg/ml), dann 0,04–0,1 mg alle 2–3 Minuten gegen die Atmung. Wirkeintritt nach 1–2 Minuten. Bis der Zugang liegt, wird beatmet — das ist die eigentliche Erstmaßnahme.
3 Warum darf ein Patient nach Naloxongabe nicht vor Ort bleiben?Aufdecken
Wegen der Re-Narkotisierung. Naloxon wirkt nur 30 bis 90 Minuten, die meisten Opioide länger — Heroin, Methadon, Fentanylpflaster. Wenn das Antidot verschwindet und das Opioid noch da ist, kehrt die Atemdepression zurück, oft beim scheinbar wachen Patienten.
Silber erreicht

Du kannst Naloxon sicher geben. Die nächste Stufe erklärt, warum es beim Nicht-Intoxikierten praktisch wirkungslos ist — und warum das ein Vorteil ist.

Stufe Gold

Warum es wirkt

Um den Antagonisten zu verstehen, muss man zuerst den Agonisten verstehen. Naloxon macht nichts Eigenes — es nimmt nur den Platz weg.

Der µ-Rezeptor und was er tut

Opioide wirken an G-Protein-gekoppelten Rezeptoren — µ, κ und δ. Klinisch dominiert der µ-Rezeptor. Seine Aktivierung hemmt präsynaptisch spannungsabhängige Kalziumkanäle, sodass weniger Transmitter freigesetzt wird, unter anderem Substanz P. Postsynaptisch öffnet sie Kaliumkanäle: Die Zelle wird hyperpolarisiert und feuert schlechter. Netto wird die Schmerzweiterleitung gedämpft.

Die drei unerwünschten µ-Effekte

Die Kausalkette

Naloxon hat eine hohe Affinität zum µ-Rezeptor, aber keine intrinsische Aktivität: Es bindet, ohne den Rezeptor zu aktivieren. Daraus ergibt sich: Naloxon bindet kompetitiv → verdrängt das Opioid von der Bindungsstelle → die Signalkaskade bricht ab → das Atemzentrum reagiert wieder auf CO₂ → Atemfrequenz und Atemtiefe steigen → die Sauerstoffsättigung steigt, das CO₂ fällt → die Pupillen weiten sich, das Bewusstsein klart auf.

Merke · Verdrängung, nicht Abbau

Naloxon kippt kein Opioid aus dem Körper und baut es nicht ab. Es besetzt nur den Rezeptor stärker — ein reines Konkurrenzspiel um die Bindungsstelle. Daraus folgt beides: Viel Opioid braucht mehr Naloxon. Und sobald Naloxon schneller verschwindet als das Opioid, kehrt dessen Wirkung zurück.

Die zweite Folge daraus ist elegant: Naloxon wirkt nur dort, wo Opioide sind. Beim Nicht-Intoxikierten ist es praktisch wirkungslos — es gibt nichts zu verdrängen. Das macht es als diagnostisch-therapeutisches Werkzeug so sauber: Bleibt die Atmung nach ausreichender Dosis unverändert, war es keine Opioidintoxikation.

Die Zugangswege und was sie unterscheiden

WegWirkeintrittStellenwert
intravenös1–2 minschnellste und feinste Steuerung — Mittel der Wahl, wenn ein Zugang liegt
intramuskulär5–10 minohne Zugang. Wirkt als Depot etwas länger nach
intranasal10–15 minnadelfrei, Standard in der Laien- und Take-home-Anwendung. Fixdosis 2 mg
intraossärsofortwie intravenös, wenn die Kanüle liegt

Der Wirkort ist immer derselbe — was sich unterscheidet, ist die Anflutung. Mit Zugang titriert man intravenös in kleinen Schritten gegen die Atmung. Ohne Zugang oder in Laienhand ist die intranasale Fixdosis der pragmatische Weg: leichter anzuwenden, aber langsamer und gröber dosiert.

Cave · beim Opioidabhängigen

Bei chronischer Opioidabhängigkeit löst eine zu großzügige Dosis einen schweren akuten Entzug aus — mit Erbrechen, Agitation, massivem Schmerz und Kreislaufreaktion. Hier ist besonders fein zu titrieren. Der Patient soll atmen, nicht aufstehen.

Selbsttest Gold

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Erkläre die Kette von der Bindung bis zur wiederhergestellten Atmung.Aufdecken
Naloxon bindet kompetitiv am µ-Rezeptor → verdrängt das Opioid → die Signalkaskade bricht ab → das Atemzentrum reagiert wieder auf CO₂ → Atemfrequenz und -tiefe steigen → SpO₂ steigt, CO₂ fällt → Pupillen weiten sich, Bewusstsein klart auf.
2 Warum ist Naloxon beim Nicht-Intoxikierten praktisch wirkungslos?Aufdecken
Weil es keine intrinsische Aktivität hat — es bindet, ohne den Rezeptor zu aktivieren. Wo kein Opioid sitzt, gibt es nichts zu verdrängen. Genau das macht es als diagnostisches Werkzeug sauber: keine Reaktion heißt keine Opioidintoxikation.
3 Welche drei µ-Effekte machen das klinische Leitbild der Opioidintoxikation aus?Aufdecken
Atemdepression (Atemzentrum in der Medulla, abgeflachte CO₂-Antwort), Miosis (Edinger-Westphal-Kern) und Bewusstseinsstörung bis zum Koma. Die Atemdepression ist die Todesursache.
4 Was ist bei chronisch Opioidabhängigen zu beachten?Aufdecken
Eine zu großzügige Dosis löst einen schweren akuten Entzug aus — Erbrechen mit Aspirationsgefahr, Agitation, massiver Schmerz, Kreislaufreaktion. Deshalb besonders fein titrieren: Der Patient soll atmen, nicht aufstehen.
Gold erreicht

Du kannst begründen, was Naloxon tut und was nicht. Die Master-Stufe geht an die Pharmakokinetik — und an die Substanzen, bei denen die Rechnung nicht aufgeht.

Stufe Master

Bis auf den Rezeptor

Was man wissen muss, um es zu unterrichten — und um die Situationen zu erkennen, in denen die Standardantwort nicht reicht.

Pharmakokinetik — und warum daraus die Überwachung folgt

Naloxon flutet rasch an, weil es lipophil ist und die Blut-Hirn-Schranke schnell überwindet. Die Plasmahalbwertszeit liegt bei etwa 60 bis 90 Minuten, die klinisch wirksame Zeit ist mit 30 bis 90 Minuten meist kürzer. Abgebaut wird es hepatisch durch Glukuronidierung, ausgeschieden renal.

Oral ist es kaum bioverfügbar — der First-Pass-Effekt ist nahezu vollständig. Genau das nutzt man bei Kombinationspräparaten mit Oxycodon: Oral wirkt nur das Opioid, bei missbräuchlicher Injektion auch der Antagonist.

Die eine Zahl, die alles bestimmt:
Naloxon 30 bis 90 Minuten — Methadon bis zu 55 Stunden.

Wenn die Standarddosis nicht reicht

Bei hochpotenten synthetischen Opioiden — Fentanyl, Carfentanil und deren Analoga — kann die übliche Dosis unzureichend sein. Der Grund liegt in der sehr hohen Rezeptoraffinität dieser Substanzen: Das Konkurrenzspiel um die Bindungsstelle ist ungleicher.

Praktisch heißt das: Wenn nach mehreren Gaben keine Besserung eintritt, ist die Antwort nicht automatisch mehr Naloxon, sondern die Frage nach einer anderen Ursache — und in jedem Fall die Sicherung der Atmung. Beatmung schlägt Antidot, wenn das Antidot nicht greift.

Selten, aber beschrieben · Lungenödem nach Naloxon

Nach abrupter Antagonisierung ist ein nicht-kardiogenes Lungenödem beschrieben, ebenso Arrhythmien und hypertensive Reaktionen. Diskutiert wird ein massiver Sympathikusausstoß durch den schlagartigen Entzug. Es ist ein weiteres Argument für das langsame Titrieren — auch beim Patienten, bei dem man es eilig hat.

Take-home-Naloxon

Die intranasale Fertigspritze hat die Anwendung durch Laien möglich gemacht. Angehörige und Betroffene können damit die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken. Für die präklinische Arbeit heißt das: Bei einem Patienten, der schon Naloxon erhalten hat, ist die Uhr bereits gelaufen — die Re-Narkotisierung kommt entsprechend früher.

Die fünf Kernsätze

Merksatz für den Unterricht

„Beatme zuerst, titriere dann. Und lass niemanden zurück, den du gerade zurückgeholt hast — das Opioid ist noch da, dein Antidot nicht mehr lange.

Selbsttest Master

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Warum ist die Re-Narkotisierung die Regel und nicht die Ausnahme?Aufdecken
Weil Naloxon nur 30 bis 90 Minuten wirkt, während Heroin, Methadon, Fentanylpflaster und retardierte Präparate länger wirken. Naloxon verdrängt das Opioid nur vom Rezeptor — sobald es selbst abgebaut ist, ist der Platz wieder frei.
2 Warum ist Naloxon oral praktisch unwirksam — und wo nutzt man das aus?Aufdecken
Wegen des nahezu vollständigen First-Pass-Effekts. Ausgenutzt wird das in Kombinationspräparaten mit Oxycodon: Oral wirkt nur das Opioid, bei missbräuchlicher Injektion aber auch der Antagonist.
3 Der Patient bessert sich nach mehreren Naloxongaben nicht. Was jetzt?Aufdecken
Nicht endlos nachdosieren. Entweder liegt ein hochpotentes synthetisches Opioid mit sehr hoher Rezeptoraffinität vor, oder es ist keine reine Opioidintoxikation. In beiden Fällen gilt: Atemweg sichern und beatmen — Beatmung schlägt Antidot, wenn das Antidot nicht greift.
4 Welche seltene, aber beschriebene Komplikation spricht für langsames Titrieren?Aufdecken
Das nicht-kardiogene Lungenödem nach abrupter Antagonisierung, dazu Arrhythmien und hypertensive Reaktionen. Als Ursache wird ein massiver Sympathikusausstoß durch den schlagartigen Entzug diskutiert.
Master erreicht

Du kennst Naloxon bis auf den Rezeptor — und weißt, warum die Überwachung nach der Gabe wichtiger ist als die Gabe selbst.

Wo es vorkommt

Naloxon im Einsatz

Quellen & Stand: ERC Guidelines 2025 · ÖRK-Arzneimittelliste II und PAX-Kompendium (Narcanti 0,4 mg/1 ml) · Fachinformation Naloxon. Region Österreich. Geprüft Juli 2026.

Lern- und Lehrhilfe — kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und individuelle ärztliche Entscheidung. Dosierungen vor Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.