STATUS3 Medikament · Etomidat
Imidazol-Derivat · rein hypnotisches Einleitungsnarkotikum

Etomidat

Hypnomidate (Propylenglykol, klar) und Etomidat Lipuro (Lipidemulsion, milchig) · beide 20 mg / 10 ml = 2 mg/ml

Zwei Kausalketten aus einem Molekül. Erstens: Etomidat verstärkt GABA am GABAA-Rezeptor → Hypnose, ohne den Sympathikus zu dämpfen → der Blutdruck bleibt stehen. Zweitens: Dasselbe Molekül blockiert die 11β-Hydroxylase in der Nebennierenrinde → die Cortisolsynthese steht still → die Stressantwort fehlt, stundenlang. Die erste Kette ist der Grund, warum du danach greifst. Die zweite ist der Grund, warum du es beim kritisch Kranken vielleicht besser stehen lässt.

Fachlich noch nicht gegengeprüft

Die Werte auf dieser Seite wurden aus einem Master-Skript übertragen und stehen noch nicht gegen die Leitlinie geprüft. Sie sind zum Lernen gedacht, nicht zur Anwendung am Patienten. Vor jeder Anwendung Fachinformation und lokale SOP prüfen.

2 mg/ml
Konzentration (beide Präparate)
0,15–0,3 mg/kg
Einleitung i.v.
30–60 s
Wirkeintritt
3–5 min
Wirkdauer
bis 8 h
Cortisolblockade
Wie gut kennst du Etomidat?

Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.

Stufe Silber

Die Karte

Etomidat ist das Hypnotikum mit dem besten Ruf am Kreislauf. Seine Nische ist die Narkoseeinleitung beim hämodynamisch grenzwertigen Patienten — dort, wo Propofol den Blutdruck wegnehmen würde.

Für den kardial grenzwertigen Patienten. Nicht für Sepsis und Polytrauma — dort ist die Cortisolantwort überlebenswichtig, und genau die schaltet Etomidat ab.

Dosierung

Erwachsene und Kinder
0,15–0,3 mg/kg i.v. — 70 kg also ca. 10–20 mg = 5–10 ml
Ältere Patienten
Dosisreduktion zwingend: maximal 0,2 mg/kg
Wirkeintritt
30–60 s
Wirkdauer
3–5 min — Ende durch Umverteilung, nicht durch Abbau
Untergrenze Alter
kontraindiziert bei Säuglingen unter 6 Monaten
Zwei Präparate, nicht austauschbar

Hypnomidate ist in Propylenglykol gelöst, klar — deutlich venenreizender: Injektionsschmerz, Thrombophlebitis.

Etomidat Lipuro ist eine Lipidemulsion, milchig wie Propofol — enthält Sojaöl und ist bei Soja- oder Nussallergie kontraindiziert.

Die ÖRK-Vorgabe ist eindeutig: nicht mischen und nicht gleichzeitig anwenden.

Hypnose ist keine Narkose

Etomidat macht ausschließlich bewusstlos. Keine Analgesie, keine Relaxation.

Es ist damit exakt wie Propofol nie eine Mononarkose: Hypnotikum + Opioid (+ Relaxans bei RSI).

Wer Etomidat allein gibt und laryngoskopiert, erzeugt eine massive Stressantwort bei einem Patienten, der sich nicht wehren kann.

Sepsis und Polytrauma

Formal ist Etomidat hier nicht kontraindiziert — praktisch ist es die falsche Wahl.

Genau bei diesen Patienten ist die endogene Cortisolantwort überlebenswichtig, und genau sie schaltest du für Stunden ab.

Ist Esketamin verfügbar, ist es beim hypovolämen Trauma- oder Sepsispatienten die bessere Alternative — es stützt den Kreislauf über die Sympathikusstimulation sogar.

Die ÖRK-Position ist pragmatisch: Da ohnehin andere Einleitungshypnotika mitgeführt werden, kann bei Sepsis und Polytrauma problemlos auf Etomidat verzichtet werden.

Bei der Gabe

Über einen sicher intravasalen, gut laufenden, großlumigen Zugang. Bei unbeabsichtigter arterieller Injektion drohen Nekrosen, paravenös starke Schmerzen.

Dosis am tatsächlichen Gewicht rechnen, beim älteren Patienten reduziert.

Myoklonien sind erwartbar und harmlos — sie sind eine subkortikale Enthemmung, kein Krampfanfall. Wer sie mit einem Anfall verwechselt, therapiert falsch.

Die Fortführung planen: Nach 3–5 Minuten ist die Hypnose vorbei.

Selbsttest Silber

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Bei welchem Patienten greifst du zu Etomidat — und bei welchem ausdrücklich nicht?Aufdecken
Ja: beim hämodynamisch grenzwertigen Patienten mit kardialer Vorerkrankung oder eingeschränkter Pumpfunktion — dort, wo Propofol den Druck wegnehmen würde. Nein: bei Sepsis und Polytrauma. Dort ist die endogene Cortisolantwort überlebenswichtig, und Etomidat schaltet sie für Stunden ab.
2 Ein Patient zuckt nach der Einleitung. Krampfanfall?Aufdecken
Nein. Myoklonien treten bei bis zu 50 % auf und sind eine subkortikale Enthemmung, kein Krampfanfall. Sie sind harmlos. Eine Vorgabe von Opioid oder Benzodiazepin dämpft sie. Wer das als Anfall deutet, therapiert falsch.
3 Warum darf man Hypnomidate und Etomidat Lipuro nicht mischen?Aufdecken
Weil es zwei unterschiedliche Formulierungen desselben Wirkstoffs sind: Propylenglykol (klar, venenreizend) und Lipidemulsion (milchig, sojahaltig, bei Soja- und Nussallergie kontraindiziert). Die ÖRK-Vorgabe verbietet ausdrücklich das Mischen und die gleichzeitige Anwendung.
Silber erreicht

Du kennst Dosis, Präparate und das Spannungsfeld. Die nächste Stufe erklärt die zwei Kausalketten, aus denen Nutzen und Preis entstehen.

Stufe Gold

Warum es wirkt

Etomidat ist mit keinem anderen Hypnotikum chemisch verwandt. Mit den Antimykotika vom Imidazol-Typ teilt es genau die Eigenschaft, die später zum Problem wird: die Hemmung steroidsynthetisierender Cytochrom-P450-Enzyme.

Erste Kette — der Nutzen

Etomidat bindet an eine eigene Stelle des GABAA-Rezeptors, an den β2- und β3-Untereinheiten → positiv-allosterische Verstärkung der GABA-Wirkung → vermehrter Chlorideinstrom → Hyperpolarisation → rasche Hypnose in 30–60 Sekunden.

Anders als Propofol greift Etomidat dabei nicht relevant in den Sympathikotonus und die Gefäßmuskulatur ein. Peripherer Widerstand, Kontraktilität und Herzfrequenz bleiben weitgehend erhalten — der Blutdruck bleibt stehen.

Dazu kommen zwei zerebrale Effekte aus demselben Mechanismus: Die Stoffwechselrate des Gehirns sinkt → der zerebrale Blutfluss sinkt → der Hirndruck sinkt. Weil gleichzeitig der arterielle Mitteldruck erhalten bleibt, bleibt auch der zerebrale Perfusionsdruck gut — theoretisch die ideale Konstellation beim Schädel-Hirn-Trauma. Zudem wirkt Etomidat antikonvulsiv.

Die Nebennierenrinde und die Stressantwort

Bei Stress — Trauma, Sepsis, Operation — läuft die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse hoch: CRH → ACTH → Nebennierenrinde → Cortisol. Cortisol hält den Gefäßtonus aufrecht, indem es die Gefäße katecholaminempfindlich macht, stabilisiert den Blutzucker und moduliert die Entzündungsantwort. Der letzte Syntheseschritt wird von der 11β-Hydroxylase katalysiert.

Zweite Kette — der Preis

Der Imidazol-Ring von Etomidat bindet reversibel an das Häm-Eisen der 11β-Hydroxylase → der letzte Schritt der Cortisolsynthese ist blockiert → der Cortisolspiegel fällt. Entscheidend: Die Blockade sitzt unterhalb von ACTH — ACTH kann sie nicht überwinden. Die Stressantwort fehlt, die Gefäße werden weniger katecholaminempfindlich, die Entzündungsmodulation entfällt.

Die Zeitachse

Der Effekt tritt schon nach einer einzigen Einleitungsdosis auf.

Nach 0,3 mg/kg hält er bis zu 8 Stunden an — bei kritisch Kranken teils länger.

Er ist konzentrationsabhängig und reversibel, aber du kannst ihn nicht antagonisieren.

Die Unterscheidung, die im Unterricht meist fehlt

Die biochemische Nebennierenrindensuppression nach Einmalgabe ist unbestritten und gut belegt.

Ob sie beim einzelnen Patienten in eine klinisch relevante Verschlechterung mündet, ist die eigentliche Streitfrage.

Wer beides vermischt, argumentiert entweder zu scharf oder zu lax.

Die Hypnotika im Vergleich

SubstanzKreislaufDomäne und Besonderheit
EtomidatRR → (stabil)kreislaufneutral — der Kardiale; cave Nebennierenrindensuppression
PropofolRR ↓↓glatte, gut steuerbare Narkose — der Stabile; keine Analgesie
EsketaminRR → oder ↑Analgesie und Bronchodilatation — der Instabile
ThiopentalRR ↓↓Barbiturat, hirndrucksenkend; kontraindiziert bei Porphyrie

Selbsttest Gold

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Warum bleibt unter Etomidat der Blutdruck stehen, unter Propofol aber nicht?Aufdecken
Beide verstärken GABA — aber Etomidat greift nicht relevant in Sympathikotonus und Gefäßmuskulatur ein. Peripherer Widerstand, Kontraktilität und Herzfrequenz bleiben erhalten. Propofol dagegen wirkt zusätzlich vasodilatierend, negativ inotrop und sympathikolytisch — drei Angriffspunkte, die alle den Druck senken.
2 Warum kann ACTH die Cortisolblockade nicht überwinden?Aufdecken
Weil die Blockade unterhalb von ACTH sitzt. Etomidat hemmt die 11β-Hydroxylase — den letzten Syntheseschritt in der Nebennierenrinde selbst. ACTH kann die Zelle noch so stark stimulieren; das Enzym, das den letzten Schritt macht, ist besetzt. Deshalb ist die Blockade so wirksam und so schwer zu umgehen.
3 Warum ist Etomidat pharmakologisch beim Schädel-Hirn-Trauma attraktiv?Aufdecken
Weil es die zerebrale Stoffwechselrate senkt → zerebraler Blutfluss sinkt → Hirndruck sinkt, während der arterielle Mitteldruck erhalten bleibt. Damit bleibt der zerebrale Perfusionsdruck (MAP − ICP) gut. Praktisch wird das aber vom Polytrauma-Vorbehalt überlagert — die S3-Leitlinie mahnt zur Zurückhaltung.
4 Welche zwei Aussagen über die Nebennierenrindensuppression muss man auseinanderhalten?Aufdecken
Erstens: Die biochemische Suppression nach Einmalgabe ist unbestritten und gut belegt — der Cortisolspiegel fällt messbar für bis zu 8 Stunden. Zweitens: Ob daraus beim einzelnen Patienten ein klinisch relevanter Schaden wird, ist umstritten. Nur die zweite Frage ist offen.
Gold erreicht

Du kannst beide Ketten herleiten und die biochemische von der klinischen Frage trennen. Die Master-Stufe geht an die Studienlage — Substanz für Substanz.

Stufe Master

Die Kontroverse

Die Debatte begann 1983, als eine Dauersedierung mit Etomidat auf der Intensivstation mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert war. Die Dauerinfusion wurde daraufhin verlassen. Seither geht es nur noch um die Einmalgabe zur Einleitung.

Der Stand, den du fair wiedergeben kannst

Was die Leitlinien daraus machen

Wie man die Kontroverse unterrichtet

Nicht: „Etomidat ist gefährlich.“ Nicht: „Die Suppression ist klinisch bedeutungslos.“

Sondern: Die biochemische Blockade ist gesichert. Der klinische Schaden ist beim kritisch Kranken wahrscheinlich real, aber klein (NNH ≈ 31). Bei anderen Patienten ist er nicht belegt.

Und dann die praktische Konsequenz: Wenn ohnehin eine Alternative im Fach liegt, ist die Frage bei Sepsis und Polytrauma müßig.

Weitere Kontexte

Wenn etwas schiefgeht

Antidot
keines — Wirkende abwarten und beatmen
Bei Myoklonien
Benzodiazepin
Bei Hypotonie
Volumen, Vasopressor
Kombination Pflicht
immer Opioid; bei RSI zusätzlich Rocuronium 1,0–1,2 mg/kg
Die Merkregel

Propofol für den Stabilen. Esketamin für den Instabilen. Etomidat für den Kardialen — aber nicht für den Septischen.

Und: Die Wahl des Hypnotikums richtet sich nach dem Kreislauf und nach der Grunderkrankung, nie nach Gewohnheit.

Selbsttest Master

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Was besagt die Meta-Analyse von Kotani 2023 — und wie ordnest du sie ein?Aufdecken
11 RCTs mit etwa 2.700 Patienten, Risikoverhältnis 1,16 für Mortalität, NNH ≈ 31. Das heißt: Auf etwa 31 kritisch kranke Patienten, die Etomidat statt einer Alternative bekommen, kommt ein zusätzlicher Todesfall. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein realer, aber kleiner Schaden — und er betrifft die kritisch Kranken, nicht jeden Patienten.
2 Warum ist das Confounding in den älteren Sepsis-Analysen so wichtig?Aufdecken
Weil die instabilsten Patienten Etomidat bekamen — genau wegen seiner Kreislaufneutralität. In Beobachtungsdaten sieht man dann eine höhere Sterblichkeit unter Etomidat, ohne dass die Substanz die Ursache sein muss. Das ist der klassische Fall von confounding by indication und der Grund, warum erst randomisierte Daten weiterhalfen.
3 Ein Kollege sagt: „Die ganze Etomidat-Debatte ist überzogen, eine Einmaldosis schadet niemandem.“ Was entgegnest du?Aufdecken
Dass die biochemische Blockade nach Einmalgabe gesichert ist — bis zu 8 Stunden, ACTH-refraktär — und dass Kotani 2023 beim kritisch Kranken einen kleinen, aber wahrscheinlich realen Schaden zeigt. Aber auch: dass mehrere Analysen bei reiner Einmalgabe keinen Unterschied finden. Die ehrliche Antwort ist deshalb pragmatisch: Wenn eine Alternative im Fach liegt, muss man die Frage bei Sepsis und Polytrauma gar nicht entscheiden.
4 Wie lautet die ÖRK-Position und warum ist sie klug formuliert?Aufdecken
Da ohnehin andere Einleitungshypnotika mitgeführt werden, kann bei Sepsis und Polytrauma problemlos auf Etomidat verzichtet werden. Klug, weil sie die wissenschaftliche Streitfrage umgeht: Sie behauptet keinen bewiesenen Schaden, sondern stellt fest, dass der Verzicht nichts kostet. Bei ungeklärter Datenlage und vorhandener Alternative ist das die tragfähigste Haltung.
Master erreicht

Du kannst die Evidenzlage von 1983 bis heute fair darstellen — und begründen, warum die praktische Entscheidung einfacher ist als die wissenschaftliche.

Wo es vorkommt

Etomidat im Einsatz

Quellen & Stand: Übertragen aus dem Master-Skript Etomidat (Tigi Fazliu, Stand 2025/26). Dort belegt nach ÖRK-RDMED und Fachinformation, S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung, S2k-Leitlinie Sepsis, S1-Leitlinie Prähospitale Notfallnarkose beim Erwachsenen; Studienlage: Cochrane-Review 2015 (Bruder et al.), EvK-Trial 2022, Meta-Analyse Kotani et al. 2023. Region Österreich. Übertragung ins Datenformat am 28.07.2026 — fachlich noch nicht gegengeprüft. Lern- und Lehrhilfe, kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und ärztliche Entscheidung. Dosierungen vor jeder Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.