Propofol
Eine einzige Kausalkette trägt alles: Propofol verstärkt die Hemmung am GABAA-Rezeptor → tiefe, glatte Hypnose. Aber derselbe dämpfende Mechanismus trifft auch Gefäßtonus, Herz und Atemzentrum → Blutdruck fällt, Apnoe tritt ein. Wer diese Kette verstanden hat, leitet Wirkung, Dosis, Kontraindikationen und Gefahren daraus ab, ohne etwas auswendig zu lernen.
Die Werte auf dieser Seite wurden aus einem Master-Skript übertragen und stehen noch nicht gegen die Leitlinie geprüft. Sie sind zum Lernen gedacht, nicht zur Anwendung am Patienten. Vor jeder Anwendung Fachinformation und lokale SOP prüfen.
Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.
Die Karte
Propofol ist ein reines Schlafmittel ohne jede analgetische Wirkung. Der Patient schläft tief, spürt aber den Schmerz des Laryngoskops sehr wohl. Daraus folgt die eiserne Regel dieser Substanz.
Eine Mono-Einleitung ohne Opioid bedeutet: bewusstlos, aber nicht schmerzgedämpft → massive Stressantwort bei der Intubation.
Die nozizeptive Reizantwort — Blutdruck- und Frequenzanstieg, Abwehr — bleibt vollständig erhalten.
Immer mit einem Analgetikum kombinieren: Opioid wie Fentanyl, oder Ketamin.
Dosierung Erwachsene
- Einleitung i.v.
- 1,5–2,5 mg/kg, langsam bis zum Wirkeintritt titrieren
- Beispiel 75 kg
- ca. 110–185 mg
- Alt oder grenzwertig stabil
- Dosis halbieren: 0,5–1,5 mg/kg, besonders langsam
- Sedierung
- 0,5–1 mg/kg titriert
- TIVA-Perfusor
- 1–4 mg/kg/h
Wo es in der Sequenz steht
- Präoxygenierung (3–5 min, Ziel SpO₂ > 95 %)
- Analgesie — etwa Fentanyl ≈ 3 µg/kg
- Hypnose — Propofol 1,5–2,5 mg/kg
- Unmittelbar danach Muskelrelaxans — Rocuronium 1,2 mg/kg
- Intubation
Beatmungsbereitschaft ist Pflicht. Die Apnoe nach Einleitung ist die Regel, nicht die Ausnahme.
Beim hypovolämen, septischen oder kreislaufinstabilen Patienten ist Propofol relativ kontraindiziert — ein Blutdruckabfall bis 40 % ist beschrieben.
In dieser Lage Esketamin bevorzugen.
Wenn Propofol unvermeidbar ist: Volumen und Vasopressor bereithalten, Dosis deutlich reduzieren.
Propofol und Thiopental senken den Druck → für den Stabilen.
Ketamin und Esketamin halten oder heben den Druck → für den Instabilen.
Beim grenzwertigen Kreislauf Dosis halbieren und langsam titrieren — oder gleich wechseln.
Selbsttest Silber
0 von 3Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum darf Propofol nie als alleinige Narkose zur Intubation gegeben werden?Aufdecken
2 Bei welchen Patienten halbierst du die Dosis — und warum?Aufdecken
3 Welche Frage musst du vor jeder Propofolgabe stellen?Aufdecken
Du kennst Dosis, Reihenfolge und die zwei Regeln, die zählen. Die nächste Stufe erklärt, warum derselbe Mechanismus den Schlaf bringt und den Kreislauf nimmt.
Warum es wirkt
Der GABAA-Rezeptor ist ein Chloridkanal und der wichtigste hemmende Schalter im Zentralnervensystem. Propofol zieht an dieser Bremse — und die Bremse wirkt nicht nur im Kortex.
GABA und das hemmende System
Bindet der körpereigene Botenstoff GABA an den GABAA-Rezeptor, öffnet sich der Kanal, Chlorid strömt in die Zelle, das Membranpotenzial wird negativer — Hyperpolarisation — und das Neuron feuert schwerer. Verstärkt man dieses System, entstehen Sedierung, Hypnose, Anxiolyse und Krampfschutz.
Benzodiazepine (eigene Bindungsstelle), Barbiturate (Barbiturat-Stelle) und Propofol greifen alle am GABAA-Rezeptor an — aber an verschiedenen Stellen.
Genau deshalb potenzieren sie sich gegenseitig. Das ist die wichtigste pharmakologische Falle bei Kombination mit Benzodiazepinen, Opioiden oder Alkohol.
Sedierung und Atemdepression addieren sich nicht — sie verstärken sich.
Positiv-allosterische Verstärkung
Propofol öffnet den Kanal nicht selbst, sondern macht ihn empfindlicher für GABA. In höherer Konzentration kann es den Kanal sogar direkt öffnen. Die Kette: Propofol bindet allosterisch → der Chloridkanal öffnet länger und häufiger → vermehrter Chlorideinstrom → Hyperpolarisation → Hemmung → Hypnose.
Warum derselbe Mechanismus den Kreislauf nimmt
Die GABA-Verstärkung bleibt nicht im Kortex. Propofol dämpft auch die zentrale und periphere Kreislaufregulation — über drei gleichzeitige Angriffspunkte:
| Angriffspunkt | Mechanismus | Effekt |
|---|---|---|
| Gefäße, arteriell und venös | Vasodilatation, Sympathikolyse | Vorlast ↓ und Nachlast ↓ → RR ↓↓ |
| Herz | negativ inotrop | Auswurfleistung ↓ |
| Baroreflex und Sympathikus | zentrale Dämpfung | Reflextachykardie bleibt aus → eher Bradykardie |
| Atemzentrum | Dämpfung des Atemantriebs | Atemdepression bis Apnoe — regelhaft |
Beim normovolämen, herzgesunden Patienten ist das beherrschbar. Beim hypovolämen, septischen oder herzinsuffizienten Patienten — der seinen Blutdruck ohnehin nur über erhöhten Sympathikotonus hält — kann eine normale Dosis den Kreislauf kollabieren lassen.
Die Alternativen, nach dem Kreislauf sortiert
| Substanz | Kreislauf | Domäne und Besonderheit |
|---|---|---|
| Propofol | RR ↓↓ | glatte Narkose, gut steuerbar — der Stabile; keine Analgesie |
| Ketamin / Esketamin | RR → oder ↑ | Analgesie und Bronchodilatation — der Instabile |
| Thiopental | RR ↓↓ | Barbiturat, hirndrucksenkend — Eklampsie, Status; kontraindiziert bei Porphyrie |
| Etomidat | RR → (stabil) | kreislaufneutral — der Kardiale; cave Nebennierenrindensuppression |
Der klinische Kern: Die Wahl des Hypnotikums richtet sich nach dem Kreislauf, nicht nach Gewohnheit.
Selbsttest Gold
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Erkläre die Kette von der Bindung bis zur Hypnose.Aufdecken
2 Warum potenzieren sich Propofol und Benzodiazepine, statt sich nur zu addieren?Aufdecken
3 Über welche drei Angriffspunkte senkt Propofol den Blutdruck?Aufdecken
4 Warum ist Propofol trotz kurzer Wirkdauer so gut als Dauerinfusion geeignet?Aufdecken
Du kannst Hypnose und Kreislaufeinbruch aus demselben Mechanismus herleiten. Die Master-Stufe geht an die Kinetik, das Infusionssyndrom und die Frage nach dem fehlenden Antidot.
Bis zum Chloridkanal
Propofol ist extrem lipophil. Aus dieser einen Eigenschaft erklärt sich sein gesamter Zeitverlauf — und die Falle, die bei langer Infusion darin steckt.
Pharmakokinetik
- Wirkeintritt
- ≈ 30–45 s — eine Arm-Hirn-Kreislaufzeit
- Wirkdauer Einzelbolus
- 5–10 min
- Grund der kurzen Wirkung
- Umverteilung aus dem Gehirn in Muskel und Fett, nicht Abbau
- Abbau
- hepatisch und extrahepatisch, sehr rasch (hohe Clearance)
- Kumulation
- kaum bei kurzer Anwendung
Bei langer, hochdosierter Infusion kann die Aufwachzeit dennoch ansteigen — die Gewebespeicher sind dann gesättigt und die Umverteilung greift nicht mehr.
Nebenwirkungen — aus dem Mechanismus abgeleitet
- Ausgeprägter Blutdruckabfall aus Vasodilatation, negativer Inotropie und Sympathikolyse — dazu Bradykardie
- Atemdepression bis Apnoe, regelhaft nach Einleitung — Beatmungsbereitschaft ist Pflicht
- Injektionsschmerz, häufig — großlumige Vene wählen, gegebenenfalls Lidocain-Zusatz
- Allergierisiko wegen der Trägeremulsion bei Soja-, Erdnuss- und Ei-Allergie
Bei hoher Dosis und langer Infusion — Faustregel über 4 mg/kg/h länger als 48 Stunden — drohen metabolische Azidose, Rhabdomyolyse, Hyperkaliämie und Herzversagen. Potenziell tödlich.
Besonders gefährdet sind Kinder — die Langzeitsedierung ist bei ihnen deshalb kontraindiziert — und kritisch Kranke.
Triglyceridanstieg überwachen, Dosis und Dauer begrenzen.
Weitere Anwendungen
- Sedierung des beatmeten Patienten als gut steuerbare TIVA
- Kurze Prozeduren beim stabilen Patienten: elektrische Kardioversion, Reposition
- Im Intensivsetting der therapierefraktäre Status epilepticus — Propofol verstärkt GABA und wirkt dadurch antikonvulsiv. Präklinisch wird es dafür nicht eingesetzt; dort sind Benzodiazepine erste Wahl.
- Antiemetische Eigenschaften in niedriger Dosis als nützlicher Nebeneffekt
Propofol hat kein Antidot. Anders als beim Benzodiazepin (Flumazenil) oder beim Opioid (Naloxon) gibt es nichts, was die Wirkung aufhebt.
Man kann eine Überdosierung nur aussitzen und überbrücken: beatmen, Volumen, Vasopressor.
Deshalb ist beim Propofol die Dosierung selbst die Sicherheitsmaßnahme — langsam titrieren, beim Alten halbieren.
Selbsttest Master
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum endet die Wirkung eines Propofolbolus nach 5–10 Minuten, obwohl die Substanz noch im Körper ist?Aufdecken
2 Was ist das Propofol-Infusionssyndrom und wer ist gefährdet?Aufdecken
3 Was tust du bei einer Propofol-Überdosierung?Aufdecken
4 Warum wird Propofol im Krankenhaus beim Status epilepticus eingesetzt, präklinisch aber nicht?Aufdecken
Du kennst Propofol bis zum Chloridkanal und kannst begründen, warum die Dosierung hier die einzige Sicherheitsmaßnahme ist.