STATUS3 Medikament · Esketamin
Nicht-kompetitiver NMDA-Rezeptor-Antagonist · dissoziatives Anästhetikum und Analgetikum

Esketamin

Ketanest S · 50 mg / 2 ml und 250 mg / 10 ml — beide 25 mg/ml

Esketamin hat zwei Standbeine, und aus ihnen folgt alles andere. Erstens blockiert es den NMDA-Rezeptor nicht-kompetitiv und entkoppelt damit Kortex und limbisches System — daraus entstehen dissoziative Analgesie und Narkose, bei weitgehend erhaltenen Schutzreflexen und erhaltenem Atemantrieb. Zweitens hemmt es die Noradrenalin-Wiederaufnahme, aktiviert damit indirekt den Sympathikus und hält oder hebt den Blutdruck, während es die Bronchien weitet. Deshalb ist es das Mittel der Wahl, wenn der Kreislauf keine weitere Belastung verträgt.

Fachlich noch nicht gegengeprüft

Die Werte auf dieser Seite wurden aus einem Master-Skript übertragen und stehen noch nicht gegen die Leitlinie geprüft. Sie sind zum Lernen gedacht, nicht zur Anwendung am Patienten. Vor jeder Anwendung Fachinformation und lokale SOP prüfen.

25 mg/ml
Konzentration
0,125–0,25 mg/kg
Analgesie i.v.
0,5–1 mg/kg
Narkose / RSI i.v.
30–60 s
Wirkeintritt i.v.
AML · PAX
Ampullarium AT
Wie gut kennst du Esketamin?

Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.

Stufe Silber

Die Karte

Esketamin ist doppelt so potent wie razemisches Ketamin. Deshalb gilt durchgehend die halbe mg/kg-Dosis. Die Verwechslung Razemat ↔ S-Form ist der häufigste Dosierfehler bei dieser Substanz.

Halbe Dosis gegenüber dem Razemat. Analgesie 0,125–0,25 mg/kg i.v. Narkose 0,5–1 mg/kg i.v. Immer mit Midazolam.

Dosierung Erwachsene

Analgesie i.v.
0,125–0,25 mg/kg (≈ 10–20 mg) langsam titrieren
Narkose / RSI i.v.
0,5–1 mg/kg
Intranasal (MAD)
0,5 (–1) mg/kg, ggf. Repetition 0,5 mg/kg
i.m. ohne Zugang
Razemat 2–4 mg/kg
Konzentration
25 mg/ml — 50 mg/2 ml oder 250 mg/10 ml

Zum Vergleich das Razemat: Analgesie 0,25–0,5 mg/kg, Narkose 1–2 mg/kg. Wer die Zahlen des Razemats im Kopf hat und sie unverändert auf Ketanest S anwendet, gibt die doppelte Dosis.

Die zwei Begleiter

Midazolam 2 mg i.v. gegen die Aufwachreaktionen — das ist kein Zusatz nach Belieben, sondern fester Bestandteil der Gabe.

Atropin 0,5 mg i.v. präemptiv erwägen gegen Hypersalivation und Bronchorrhö, besonders bei Narkosedosen.

Wann du danach greifst

Am Patienten

Langsam injizieren und auf den Effekt warten — der dissoziative Zustand setzt rasch ein. Verdünnen erleichtert das Titrieren.

Für eine ruhige Aufwachphase sorgen: wenig Reize, leise sprechen.

Beatmungsbeutel und Absaugung griffbereit. Monitoring mit SpO₂, EKG, RR und möglichst Kapnographie.

Augen offen heißt nicht wach

Der dissoziierte Patient sieht anders aus als ein propofol-narkotisierter: Augen offen, aber von der Umwelt abgekoppelt, analgesiert und amnestisch.

Sag das im Team laut an, damit „Augen offen“ nicht als „zu flach, nachlegen“ fehlgedeutet wird.

Selbsttest Silber

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Warum bekommt ein Patient unter Ketanest S die halbe Dosis des razemischen Ketamins?Aufdecken
Weil Esketamin das reine S-Enantiomer ist und etwa doppelt so potent wie das Razemat. Analgesie 0,125–0,25 mg/kg statt 0,25–0,5 mg/kg, Narkose 0,5–1 mg/kg statt 1–2 mg/kg. Die Umrechnung Razemat ↔ S-Form ist der häufigste Dosierfehler bei dieser Substanz.
2 Welche zwei Medikamente gehören zur Esketamingabe dazu und warum?Aufdecken
Midazolam 2 mg i.v. gegen die Emergence-Phänomene beim Aufwachen — Albträume, Halluzinationen, Verwirrtheit. Das ist fester Bestandteil, kein Extra. Und Atropin 0,5 mg i.v. präemptiv gegen Hypersalivation und Bronchorrhö, vor allem bei Narkosedosen.
3 Ein Patient liegt mit offenen Augen da und reagiert nicht. Der Kollege will nachlegen. Was sagst du?Aufdecken
Dass genau das der dissoziative Zustand ist und nicht eine zu flache Narkose. Kortex und limbisches System sind funktionell getrennt — der Patient wirkt wach, ist aber abgekoppelt, analgesiert und amnestisch. Nachlegen wäre eine Überdosierung aus Fehldeutung.
Silber erreicht

Du kannst Esketamin sicher dosieren und weißt, was dazugehört. Die nächste Stufe erklärt, warum es als einzige Substanz Analgesie liefert, ohne den Druck zu nehmen.

Stufe Gold

Warum es wirkt

Zwei Mechanismen, aus denen sich das gesamte klinische Verhalten ableiten lässt. Wer sie beide kennt, muss keine Nebenwirkungsliste auswendig lernen — er kann sie herleiten.

Glutamat und der NMDA-Rezeptor

Glutamat ist der wichtigste erregende Überträgerstoff im Zentralnervensystem. Er wirkt unter anderem am NMDA-Rezeptor, einem Ionenkanal, der für zwei Dinge zentral ist: für die zentrale Schmerz-Aufschaltung — das sogenannte Wind-up und die zentrale Sensibilisierung — und für die funktionelle Verschaltung zwischen Kortex und limbischem System, also zwischen bewusster Wahrnehmung und Gefühl. Wer diesen Rezeptor blockiert, greift genau an dieser Schnittstelle ein.

Erstes Standbein — die nicht-kompetitive NMDA-Blockade

NMDA-Blockade → die glutamaterge Erregungsübertragung wird gedämpft → die thalamokortikale Verarbeitung wird entkoppelt → Kortex und limbisches System sind funktionell getrennt → es entsteht der charakteristische dissoziative Zustand.

Dieser Zustand ist keine klassische Narkose im Sinne von tiefem Schlaf, sondern eine Trennung von Wahrnehmung und Reiz. Genau deshalb sieht ein dissoziierter Patient anders aus als ein propofol-narkotisierter.

Zweites Standbein — die indirekte Sympathomimetik

Esketamin hemmt die Wiederaufnahme von Noradrenalin an der Synapse: Noradrenalin bleibt länger im synaptischen Spalt → indirekte Sympathikus-Aktivierung → Herzfrequenz, Blutdruck und Herzzeitvolumen steigen → dazu Bronchodilatation über β-Stimulation und direkte Relaxation der Bronchialmuskulatur.

Aus zwei Mechanismen ein ganzes Wirkprofil

WirkungMechanismus und Bedeutung im Notfall
Dissoziative AnalgesieNMDA-Block — stark, kreislaufschonend, titrierbar
Dissoziative Narkosethalamokortikale Entkopplung — Schutzreflexe meist erhalten
KreislaufstützungNoradrenalin-Reuptake ↓ → HF ↑, RR ↑, HZV ↑
BronchodilatationSympathikus und direkte Relaxation — Option beim Status asthmaticus
Atemantrieb erhaltenanders als Propofol oder Opioid — Spontanatmung bleibt meist bestehen
Hypersalivationmuskarinerge Stimulation → Bronchorrhö (Atropin präemptiv erwägen)
Emergence-PhänomeneAlbträume und Halluzinationen beim Aufwachen — Midazolam dämpft sie
Das Gegensatzpaar

Propofol und Thiopental senken den Druck — sie sind für den Stabilen.

Esketamin hält oder hebt den Druck — es ist für den Instabilen.

Das ist der ganze Grund, warum diese Substanz im Rettungsdienst einen eigenen Platz hat.

Der katecholamin-erschöpfte Patient

Die Kreislaufstützung ist indirekt — sie braucht endogene Katecholaminreserven.

Beim lang anhaltenden Schock oder im präfinalen Zustand sind diese Speicher leer. Dann kann der direkte negativ-inotrope Effekt demaskiert werden und der Blutdruck fällt.

Volumen und Vasopressor bereithalten.

Abgrenzung zu den Alternativen

Selbsttest Gold

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Erkläre die Kette von der Rezeptorblockade bis zum dissoziativen Zustand.Aufdecken
Nicht-kompetitive NMDA-Blockade → die glutamaterge Erregungsübertragung wird gedämpft → die thalamokortikale Verarbeitung wird entkoppelt → Kortex und limbisches System sind funktionell getrennt → der Patient wirkt wach, ist aber von der Umwelt abgekoppelt, analgesiert und amnestisch.
2 Warum steigt unter Esketamin der Blutdruck, obwohl es ein Anästhetikum ist?Aufdecken
Wegen des zweiten Standbeins: Esketamin hemmt die Noradrenalin-Wiederaufnahme. Noradrenalin bleibt länger im synaptischen Spalt → indirekte Sympathikusaktivierung → HF, RR und HZV steigen. Zusätzlich weiten sich die Bronchien.
3 Bei welchem Patienten versagt genau dieser Kreislaufeffekt — und warum?Aufdecken
Beim katecholamin-erschöpften Patienten: langer Schock, präfinaler Zustand. Die Stützung ist indirekt und braucht körpereigene Reserven. Sind die Speicher leer, wird der direkte negativ-inotrope Effekt demaskiert und der Druck fällt. Volumen und Vasopressor bereithalten.
4 Warum ist Esketamin beim Status asthmaticus eine Option?Aufdecken
Weil beide Mechanismen in dieselbe Richtung wirken: Die Sympathikusaktivierung führt über β-Stimulation zur Bronchodilatation, dazu kommt eine direkte Relaxation der Bronchialmuskulatur. Es bleibt aber Reserveoption, wenn die Standardtherapie versagt.
Gold erreicht

Du kannst beide Mechanismen herleiten und daraus das Wirkprofil erklären. Die Master-Stufe geht an die Kinetik und an die Situationen, in denen Vorsicht geboten ist.

Stufe Master

Bis auf den Rezeptor

Die unerwünschten Wirkungen sind keine zufällige Liste. Sie folgen aus denselben zwei Mechanismen — aus der Dissoziation die psychotomimetischen Reaktionen, aus der Sympathomimetik der Druck- und Frequenzanstieg.

Pharmakokinetik und was praktisch daraus folgt

ParameterWertPraktische Folge
Wirkeintritt i.v.≈ 30–60 srasch steuerbar, früh auf den Effekt achten
Wirkeintritt i.m.3–5 minOption ohne i.v.-Zugang
Wirkdauer (Narkose)≈ 5–15 minkurz — die Analgesie hält länger an
Abbauhepatisch (CYP)aktiver Metabolit Norketamin mit etwa einem Drittel der Wirkung
Verteilungstark lipophilschnelle Anflutung im ZNS wie bei Fentanyl

Unerwünschte Wirkungen — hergeleitet, nicht gelernt

Aus der NMDA-Dissoziation folgen die psychotomimetischen Aufwachreaktionen. Aus der Sympathomimetik folgen Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg mit erhöhtem myokardialem Sauerstoffverbrauch. Dazu kommen Hypersalivation und Bronchorrhö, Nystagmus und Doppelbilder, ein erhöhter Augeninnendruck — und bei schneller Gabe eine mögliche Atemdepression.

Relative Vorsicht

Der Grund ist bei allen derselbe: der sympathomimetisch bedingte Anstieg von Druck, Frequenz und myokardialem Sauerstoffverbrauch.

Emergence-Phänomene — immer Midazolam

Beim Aufwachen drohen lebhafte Träume, Albträume, Halluzinationen und Verwirrtheit.

Deshalb prophylaktisch Midazolam 2 mg i.v. kombinieren und für eine reizarme, ruhige Umgebung sorgen.

Das ist kein Nice-to-have, sondern fester Bestandteil der Ketamingabe.

Hypersalivation und Bronchorrhö

Die muskarinerge Stimulation steigert Speichel- und Bronchialsekretion. Bei Narkosedosen kann das die Atemwege bedrohen.

Atropin 0,5 mg i.v. präemptiv erwägen, Absaugung bereithalten.

Laryngospasmus ist bei erhaltener Spontanatmung sehr selten.

Der Hirndruck-Mythos

Die früher gelehrte Kontraindikation beim Schädel-Hirn-Trauma ist relativiert: Beim beatmeten, normokapnischen Patienten ist Esketamin beim SHT akzeptabel. Das ist eine der Stellen, an denen älteres Lehrbuchwissen und aktuelle Praxis auseinandergehen — und an der man beim Unterrichten aufpassen muss.

Kombinationen im Einsatz

Der Satz für den Unterricht

„Esketamin — der Freund des kranken Kreislaufs.“ Analgesie und Narkose, ohne den Druck wegzunehmen, plus Bronchodilatation.

Und: Augen offen und nicht ansprechbar heißt dissoziiert, nicht wach. Das im Team ansagen.

Selbsttest Master

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Warum hält die Analgesie länger an als die Narkose?Aufdecken
Die Narkosewirkung dauert nur etwa 5–15 Minuten, während die analgetische Komponente darüber hinaus anhält. Schon subdissoziative Dosen wirken stark analgetisch — man braucht also für die Schmerzfreiheit nicht die Narkosetiefe. Dazu trägt der aktive Metabolit Norketamin mit etwa einem Drittel der Wirkung bei.
2 Leite die Kontraindikationsliste aus dem Mechanismus her.Aufdecken
Alle relativen Vorsichtsgründe folgen aus der Sympathomimetik: schwere Hypertonie, KHK und instabile Angina, Aortendissektion und -aneurysma, Eklampsie, Hyperthyreose. Gemeinsamer Nenner ist der Anstieg von Druck, Frequenz und myokardialem Sauerstoffverbrauch — überall dort, wo genau das schadet.
3 Was hat sich beim Thema Schädel-Hirn-Trauma geändert?Aufdecken
Die früher gelehrte Kontraindikation ist relativiert. Beim beatmeten, normokapnischen Patienten gilt Esketamin beim SHT als akzeptabel. Wer nach altem Lehrbuch unterrichtet, gibt hier veraltetes Wissen weiter.
4 Warum kombiniert man Esketamin mit einem Opioid, obwohl es selbst stark analgetisch ist?Aufdecken
Die Kombination senkt die nötige Opioiddosis und damit das Risiko der Atemdepression. Beide Substanzen ergänzen sich: Esketamin erhält den Atemantrieb und stützt den Kreislauf, das Opioid deckt die Schmerzkomponente mit ab — jedes in geringerer Dosis.
Master erreicht

Du kennst Esketamin bis auf den Rezeptor und kannst die Nebenwirkungen aus dem Mechanismus herleiten statt sie aufzuzählen.

Wo es vorkommt

Esketamin im Einsatz

Quellen & Stand: Übertragen aus dem Master-Skript Esketamin (Tigi Fazliu, Stand 2025/26). Dort belegt nach ÖRK-Arzneimittelliste, PAX-Notfallkompendium (Stand 2025/26), S3-Leitlinie Polytrauma 2023 und AGNN-Therapieempfehlungen 2024. Region Österreich. Übertragung ins Datenformat am 28.07.2026 — fachlich noch nicht gegengeprüft. Lern- und Lehrhilfe, kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und ärztliche Entscheidung. Dosierungen vor jeder Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.