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◆ Teil V · Trauma KAP. V.1

Polytrauma — Versorgungsstrategie

Kernbotschaft: <c>ABCDE — kritische Blutung zuerst. Damage Control Resuscitation, permissive Hypotension, Gerinnung schützen. Kurze Prähospitalzeit, Voranmeldung, richtiges Zentrum.
S3-Leitlinie Polytrauma 2023PHTLS · ATLSStand: Juli 2026

◎ Lernziele

  • den Schwerverletzten strukturiert nach <c>ABCDE beurteilen und behandeln (kritische Blutung zuerst).
  • die letale Trias/Diamond (Hypothermie, Azidose, Koagulopathie, Hypokalzämie) verstehen und Damage Control anwenden.
  • permissive Hypotension richtig einsetzen — und die Ausnahme bei SHT kennen.
  • Tranexamsäure indikationsgerecht und rechtzeitig geben.
1 Konzept — Damage Control Resuscitation

Letale Trias → „Diamond"

  • Hypothermie — hemmt Gerinnungsenzyme
  • Azidose — mindert Gerinnungs- & Katecholaminwirkung
  • Koagulopathie — Verlust/Verdünnung/Hyperfibrinolyse
  • + Hypokalzämie (Ca²⁺ = Gerinnungsfaktor IV)

Damage-Control-Prinzipien

  • Blutung stoppen vor allem anderen
  • Permissive Hypotension (bis chirurgische Kontrolle)
  • Wärmeerhalt, Azidose/Ca²⁺ managen
  • Gerinnungsaktive Therapie früh (TXA, Faktoren)
2 Primary Survey — <c>ABCDE
<c>Blutung
Kritische Blutung
catastrophic haemorrhage — noch vor A

Maßnahmen

  • Tourniquet bei lebensbedrohlicher Extremitätenblutung
  • Druckverband, Wundpackung/Hämostyptikum
  • Beckenschlinge bei V. a. instabiles Becken
Prinzip: Sichtbare, stillbare Blutung wird vor Atemweg adressiert — Verbluten ist die schnellste vermeidbare Todesursache.
AAirway
Atemweg + HWS-Schutz
manuelle Inline-Stabilisation

Maßnahmen

  • Atemweg sichern, HWS-Immobilisation (manuell → Zervikalstütze/Ganzkörper)
  • Bei Bewusstlosigkeit/Verlegung: definitives Atemwegsmanagement
BBreathing
Beatmung
lebensbedrohliche Thoraxverletzungen

Maßnahmen

  • O₂, Auskultation; Spannungspneumothorax → sofort entlasten
  • offener Pneu → Verband; instabiler Thorax; SpO₂/etCO₂
CCirculation
Kreislauf & Blutungskontrolle
Schock erkennen, Becken, Zugänge

Maßnahmen

  • 2 großlumige Zugänge, permissive Hypotension (s. u.), TXA
  • Beckenschlinge, Blutungsquellen (Thorax/Abdomen/Becken/Femur/„außen")
  • Wärmeerhalt, balancierte Kristalloide restriktiv
DDisability
Neurologie
GCS · Pupillen · Glukose

Maßnahmen

  • GCS, Pupillen, Lateralisation; Glukose messen
  • SHT-Zeichen → Normotension/Normoxie/Normokapnie schützen
EExposure
Entkleiden & Wärme
Bodycheck ohne Auskühlung

Maßnahmen

  • Vollständige Untersuchung, dann konsequenter Wärmeerhalt
  • Schienung, Analgesie; Reevaluation (Trauma = dynamisch)
3 Permissive Hypotension — Zielwerte
SituationZiel-RR systolischPrinzip
Blutung ohne SHT~80–90 mmHgMAP ~65 — kein „Wegspülen" des Gerinnsels bis OP
Blutung mit SHT≥ 110 mmHgMAP ≥ 80 — Zerebralperfusion schützen (Normotension)
Volumenrestriktiv, balanciertisotone Vollelektrolytlösung, Wärme

Die SHT-Ausnahme

  • Permissive Hypotension gilt nicht bei relevantem SHT — hier ist Hypotonie (RRsys < 90) ein starker sekundärer Schädigungsfaktor.
  • Ziel: Normotension, Normoxie, Normokapnie — keine Hypotonie, kein Hypoxie-Fenster.
4 Gerinnung & Maßnahmen — Dosierungen

Erwachsene. Immer gegen S3-Leitlinie 2023 & lokale SOP prüfen.

Tranexamsäure Antifibrinolyse
Dosis
1 g i.v.
Gabe
über 10 min
Indikation
lebensbedroh. Blutung/Schock
Zeit
früh, < 3 h nach Trauma
Volumen restriktiv
Lösung
balanciert, isoton
Ziel
permissive Hypotension
Cave
Dilution/Auskühlung
SHT
Normotension halten
Mechanische Blutstillung <c>
Extremität
Tourniquet
Junktional/Wunde
Wundpackung/Hämostyptikum
Becken
Beckenschlinge
Basis
Druck/Kompression
Kalzium / Wärme Diamond
Ca²⁺
bei Hypokalzämie substituieren
Wärme
aktiv erhalten
Azidose
Ursache (Blutung) beheben
Ziel
Gerinnung schützen
5 Transport & Zielklinik

Prähospital-Grundsätze

  • Kurze Einsatzzeit bei nicht-stillbarer Blutung (Load & Go)
  • Nur lebensrettende Maßnahmen vor Ort, Rest unterwegs
  • Voranmeldung Schockraum mit strukturierter Übergabe

Richtige Zielklinik

  • Schwerverletzte in geeignetes Traumazentrum (überregional bei Instabilität/komplexem Muster)
  • Bei kritischer Blutung: Zentrum mit sofortiger OP-/Blutbank-Kapazität
  • SHT/instabil → nächste geeignete Versorgungsstufe abwägen
6 Pitfalls, Retrieval & Take-Home

RED FLAGS

  • Kritische äußere Blutung nicht zuerst gestoppt (<c> übersprungen)
  • Permissive Hypotension trotz SHT → sekundärer Hirnschaden
  • Auskühlung/keine Wärme → Gerinnung kippt (Diamond)
  • Spannungspneumothorax nicht entlastet

PITFALLS

  • TXA zu spät / vergessen bei Schock & Blutung
  • Überinfusion (Dilutionskoagulopathie, Blutdruck „schön" machen)
  • Becken bei instabilem Trauma nicht stabilisiert
  • Lange Szenenzeit für nicht-lebensrettende Maßnahmen

✎ Recall

Wofür steht das <c> vor ABCDE?
Critical/catastrophic haemorrhage — die kritische äußere Blutung wird noch vor dem Atemweg gestoppt (Tourniquet, Wundpackung, Beckenschlinge).
Ziel-RR mit und ohne SHT?
Ohne SHT: permissive Hypotension RRsys ~80–90 mmHg bis chirurgische Kontrolle. Mit SHT: Normotension, RRsys ≥ 110 mmHg.
TXA — Dosis und Timing?
1 g i.v. über 10 min, früh und innerhalb von 3 h nach Trauma bei lebensbedrohlicher Blutung/Schock.

TAKE-HOME

  • <c>ABCDE: kritische Blutung zuerst — Tourniquet, Wundpackung, Beckenschlinge.
  • Permissive Hypotension ~80–90 mmHg — außer bei SHT (dann ≥ 110 mmHg).
  • TXA 1 g früh · Wärme/Ca²⁺/Azidose managen (Diamond).
  • Load & Go, Voranmeldung, richtiges Traumazentrum.
Quellen & Stand: S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung (AWMF 187-023, Version 2023); PHTLS/ATLS-Prinzipien. — Hinweis: lokale SOP & ärztliche Anordnung maßgeblich; Dosierungen vor Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.