Atropin
Atropin blockiert kompetitiv die muskarinergen Rezeptoren und nimmt dem Herzen die vagale Bremse. Aus dieser einen Wirkung leiten sich Indikation, Grenzen und Nebenwirkungen ab: Es hilft nur, wo der Vagus bremst — bei supranodaler, vagal vermittelter Bradykardie. Sitzt der Block unterhalb des AV-Knotens, fehlt der Angriffspunkt.
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Die Karte
Atropin ist das klassische Medikament der symptomatischen Bradykardie. Entscheidend ist die Frage, wo der Block sitzt — davon hängt ab, ob es überhaupt wirken kann.
Symptomatische Bradykardie (ERC 2025)
- Indikation
- Bradykardie mit Instabilität (Hypotonie, Bewusstseinsstörung, Ischämie, Herzinsuffizienz)
- Dosis
- 0,5 mg i.v.
- Wiederholung
- alle 3–5 min bis max. 3 mg gesamt
- Kind
- 20 µg/kg i.v. (Einzeldosis min. 100 µg)
- Wirkt nicht
- transkutanes Pacing oder Adrenalin-Infusion 2–10 µg/min
Sehr niedrige Dosen (< 0,5 mg) können über eine zentrale, paradoxe Wirkung die Herzfrequenz weiter senken. Deshalb beim Erwachsenen nie weniger als 0,5 mg geben.
Bei Mobitz II oder totalem AV-Block mit breitem QRS nicht auf Atropin warten — die Störung sitzt unterhalb des AV-Knotens, dort kann Atropin nichts ausrichten. Frühzeitig transkutanes Pacing bzw. Adrenalin-Infusion und Notarzt. Atropin darf die definitive Therapie (Pacing) nicht verzögern.
Antidot bei Organophosphat-/Carbamatvergiftung
Bei der cholinergen Krise (Bronchorrhö, Bronchospasmus, Bradykardie) wird Atropin in hohen, titrierten Dosen gegeben: 2–4 mg i.v., Verdopplung bis zur Atropinisierung. Endpunkt ist das Trockenlegen der Bronchialsekretion, nicht die Herzfrequenz — oft sind 10–20 mg und mehr nötig.
Atropin ist nicht mehr Teil des Reanimationsalgorithmus bei Asystolie/PEA — es gibt keinen Nutzennachweis. Bei refraktärer Bradykardie sind die Alternativen transkutanes/transvenöses Pacing und Adrenalin-Infusion.
Selbsttest Silber
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Symptomatische Bradykardie — Dosis, Wiederholung, Maximum?Aufdecken
2 Warum beim Erwachsenen nie weniger als 0,5 mg?Aufdecken
3 Bei welcher Bradykardie hilft Atropin nicht — und was folgt daraus?Aufdecken
4 Organophosphatvergiftung — wie dosierst du und was ist der Endpunkt?Aufdecken
Du kannst Atropin sicher einsetzen und kennst seine zwei harten Grenzen. Die nächste Stufe erklärt, warum es nur die Bremse löst und nichts aktiv antreibt.
Warum es wirkt
Der Sinus- und der AV-Knoten stehen unter ständigem Einfluss des Vagus. Atropin hebt diesen Einfluss auf — mehr nicht. Genau das ist die ganze Pharmakologie.
Grundlage: der Vagus bremst das Herz
Der Überträgerstoff des Vagus, Acetylcholin, wirkt am SA- und AV-Knoten an muskarinergen M₂-Rezeptoren: Er senkt die Spontanfrequenz des Sinusknotens und verlangsamt die AV-Überleitung. Ein hoher Vagotonus bedeutet also eine niedrige Herzfrequenz — genau hier setzt Atropin an.
Die Kausalkette der M₂-Blockade
M₂-Blockade am SA-/AV-Knoten → Wegfall des vagalen (bremsenden) Tonus → die Spontandepolarisation des SA-Knotens beschleunigt sich → Herzfrequenz ↑ und AV-Überleitung ↑. Atropin treibt das Herz nicht aktiv an, sondern nimmt die Bremse weg.
Atropin wirkt nur, wo der Vagus bremst — also bei supranodaler, vagal vermittelter Bradykardie (Sinusbradykardie, AV-Block I°/Mobitz I). Sitzt der Block unterhalb des AV-Knotens (Mobitz II, totaler Block mit breitem Ersatzrhythmus), fehlt der Angriffspunkt.
Nie rein kardial — die anticholinergen Wirkungen
| Organ | Effekt der Blockade |
|---|---|
| Herz | Herzfrequenz ↑, AV-Überleitung ↑ |
| Auge | Mydriasis, Akkommodationslähmung (Nahsehen ↓) |
| Drüsen | Speichel-, Schweiß-, Bronchialsekretion ↓ (trockene, heiße Haut) |
| Bronchien | leichte Bronchodilatation |
| Magen-Darm / Blase | Motilität ↓, Tonus ↓ → Darmatonie, Harnverhalt |
| ZNS | zentrale anticholinerge Wirkung (Unruhe, Delir bei hoher Dosis) |
Selbsttest Gold
0 von 3Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Erkläre in einer Kette, wie Atropin die Herzfrequenz hebt.Aufdecken
2 Warum wirkt Atropin bei Mobitz II nicht?Aufdecken
3 Woher kommen Mundtrockenheit, Mydriasis und Harnverhalt?Aufdecken
Du kannst begründen, warum Atropin nur die vagale Bremse löst und wo seine Grenze liegt. Die Master-Stufe geht an Pharmakokinetik, Stellenwert und die fünf Kernsätze.
Bis auf den Rezeptor
Was man wissen muss, um Atropin zu unterrichten: warum es zentral wirkt, warum es aus der Reanimation verschwunden ist, und wie man seine Grenzen ehrlich benennt.
Pharmakokinetik
Schneller Wirkeintritt nach i.v.-Gabe (innerhalb von Minuten), Wirkdauer und Halbwertszeit im Bereich von etwa 2–4 Stunden. Atropin ist ZNS-gängig (überwindet die Blut-Hirn-Schranke) — daraus resultieren die zentralen anticholinergen Effekte. Metabolisierung hepatisch, Ausscheidung überwiegend renal.
Stellenwert & Abgrenzung
Atropin ist nicht mehr Teil des Reanimationsalgorithmus bei Asystolie/PEA (kein Nutzennachweis). Bei refraktärer Bradykardie sind die Alternativen transkutanes/transvenöses Pacing und Adrenalin-Infusion (bei Betablocker-/Kalziumantagonisten-Intoxikation zusätzlich Glukagon bzw. spezifische Antidote).
Nebenwirkungen — alle aus dem Mechanismus
Tachykardie und Tachyarrhythmien, ein erhöhter myokardialer O₂-Bedarf (Ischämiegefahr bei KHK), Mundtrockenheit, Mydriasis mit Sehstörung, Harnverhalt und Hyperthermie durch fehlendes Schwitzen. Bei hoher Dosis das zentrale anticholinerge Syndrom ("rot, heiß, trocken, blind, verrückt"). Cave: Engwinkelglaukom.
Wo der Vagus nicht bremst, kann Atropin nicht helfen.
Die fünf Kernsätze
- Wirkung = kompetitive Blockade muskarinerger (M₂-)Rezeptoren → Wegfall des Vagotonus → HF ↑, AV-Überleitung ↑.
- Wirkt nur bei vagal/supranodal bedingter Bradykardie — bei Mobitz II / totalem Block (infranodal) nicht → Pacing.
- Symptomatische Bradykardie: 0,5 mg i.v., Wiederholung alle 3–5 min bis max. 3 mg; dann Pacing/Adrenalin-Infusion.
- Nicht mehr im Reanimationsalgorithmus (Asystolie/PEA). Beim Erwachsenen nie < 0,5 mg (paradoxe Bradykardie).
- Hochdosiert als Antidot bei Organophosphat-/Carbamatvergiftung (Endpunkt: trockene Bronchien). Anticholinerge Nebenwirkungen beachten.
Selbsttest Master
0 von 3Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum treten unter Atropin zentrale Effekte wie Unruhe oder Delir auf?Aufdecken
2 Warum ist Atropin aus dem Reanimationsalgorithmus verschwunden?Aufdecken
3 Warum ist bei der Organophosphatvergiftung nicht die Herzfrequenz der Endpunkt?Aufdecken
Du kennst Atropin bis auf den Rezeptor und kannst seinen heutigen Stellenwert ehrlich vertreten. Schau in ein paar Wochen wieder her.
Atropin im Einsatz
Lern- und Lehrhilfe — kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und individuelle ärztliche Entscheidung. Dosierungen vor Anwendung prüfen.