STATUS3 Medikament · Amiodaron
Antiarrhythmikum Klasse III · mit Eigenschaften aller vier Klassen

Amiodaron

Sedacoron · Ampulle 150 mg / 3 ml

Amiodaron blockiert die repolarisierenden Kaliumkanäle. Die Repolarisation zieht sich in die Länge, die Refraktärzeit steigt — und kreisende Erregungen laufen in refraktäres Gewebe und versanden. Genau deshalb wirkt es bei Reentry-Tachykardien. Im EKG zeigt sich dieselbe Verlängerung als QT-Zeit.

50 mg/ml
Konzentration
300 mg
Bolus im Arrest
nach 3. Schock
Zeitpunkt
900 mg
Erhaltung / 24 h
AML I
Ampullarium AT
Wie gut kennst du Amiodaron?

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Stufe Silber

Die Karte

Amiodaron wird im Arrest anders gegeben als beim Patienten mit eigenem Kreislauf. Der Unterschied ist nicht die Dosis, sondern die Zeit.

Kreislaufstillstand · Kammerflimmern oder pulslose VT

Erste Gabe
300 mg i.v./i.o. als Bolus
Zeitpunkt
nach dem 3. erfolglosen Schock
Zweite Gabe
150 mg i.v./i.o.
Zeitpunkt
nach dem 5. Schock
Danach
keine weitere Bolusgabe
Erhaltung
900 mg / 24 h nach ROSC
Praxis · gekoppelt an Schocks, nicht an Minuten

Adrenalin und Amiodaron kommen beide nach dem dritten Schock. Danach läuft Adrenalin alle 3–5 Minuten weiter, Amiodaron nur noch einmal nach dem fünften Schock. Die Kopplung an die Schockzahl statt an feste Zeiten ist der häufigste Stolperstein im Algorithmus.

Patient mit eigenem Kreislauf

Stabile Breitkomplex-Tachykardie
300 mg über 20–60 min
Danach
900 mg / 24 h
Zugang
möglichst zentral oder große Vene
Niemals
schneller Bolus
Cave · zwei harte Grenzen

Kein schneller Bolus beim wachen Patienten. Es drohen Hypotonie und Bradykardie — verursacht von der Betablockade, dem Kalziumantagonismus und dem Lösungsvermittler Polysorbat 80.

Nicht bei präexzitiertem Vorhofflimmern. Amiodaron gilt dort als potenziell schädlich, weil es den AV-Knoten stärker bremst als die akzessorische Bahn. Mittel der Wahl ist die synchronisierte Kardioversion.

Nie zusammen mit Lidocain. Entweder das eine oder das andere — nicht beides.

Selbsttest Silber

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Wann gibst du im Kreislaufstillstand Amiodaron, und wie viel?Aufdecken
300 mg i.v./i.o. nach dem dritten erfolglosen Schock, dann noch einmal 150 mg nach dem fünften Schock. Danach keine weitere Bolusgabe. Der Zeitpunkt hängt an der Schockzahl, nicht an der Uhr.
2 Warum darf Amiodaron beim wachen Patienten nicht als schneller Bolus laufen?Aufdecken
Wegen Hypotonie und Bradykardie. Daran sind drei Dinge gleichzeitig beteiligt: die Betablockade (Klasse II), der Kalziumantagonismus (Klasse IV) und der Lösungsvermittler Polysorbat 80, der vasodilatierend und negativ inotrop wirkt. Im Arrest ist das gleichgültig, im wachen Kreislauf nicht.
3 Bei welcher Rhythmusstörung ist Amiodaron ausdrücklich nicht angezeigt?Aufdecken
Beim präexzitierten Vorhofflimmern — breit, unregelmäßig, sehr schnell. Es bremst den AV-Knoten stärker als die akzessorische Bahn und kann die Kammerfrequenz dadurch weiter treiben. Mittel der Wahl ist die synchronisierte Kardioversion.
Silber erreicht

Du kannst Amiodaron sicher geben. Die nächste Stufe erklärt, warum es wirkt — und warum es die VT nicht wie ein Schalter beendet.

Stufe Gold

Warum es wirkt

Der Hauptmechanismus ist eine einzige Sache: die Blockade der repolarisierenden Kaliumkanäle. Alles andere ordnet sich darum herum.

Die Kausalkette

Amiodaron blockiert die repolarisierenden Kaliumkanäle, vor allem den schnellen Anteil des Delayed-Rectifier-Stroms. Daraus ergibt sich Schritt für Schritt: Kalium verlässt die Zelle langsamer → die Repolarisation zieht sich in die Länge → die Aktionspotenzialdauer steigt → damit steigt die effektive Refraktärzeit → die Zelle braucht länger, bis sie wieder erregbar ist.

Klinisch wird das so relevant: Eine verlängerte Refraktärzeit macht es Reentry-Kreisen schwer, sich zu etablieren oder zu erhalten. Die kreisende Erregung läuft in refraktäres Gewebe und versandet. Deshalb wirkt Amiodaron bei Kammertachykardie, Kammerflimmern und anderen reentry-basierten Tachykardien.

Merke · was Amiodaron nicht tut

Amiodaron terminiert das Kammerflimmern nicht wie ein Schalter. Es stabilisiert das Myokard elektrisch, sodass die nächste Defibrillation eine bessere Chance auf einen stabilen Rhythmus hat und ein Wiederauftreten erschwert wird. Der Schock terminiert, das Medikament hält.

Das Chamäleon — alle vier Klassen

KlasseAngriffspunktEffekt
INatriumkanalLeitungsgeschwindigkeit sinkt (Phase 0)
IIBetablockade, nicht kompetitivHerzfrequenz sinkt, AV-Knoten wird gebremst
IIIKaliumkanalHauptwirkung — Aktionspotenzialdauer und Refraktärzeit steigen
IVKalziumkanalSinus- und AV-Knoten werden langsamer
Die häufigste Verwechslung

Refraktärzeit steigt = Klasse III = Kaliumkanalblockade. Herzfrequenz sinkt und AV wird gebremst = Klasse II plus Klasse IV. Das sind verschiedene Mechanismen, nicht derselbe Effekt — auch wenn beide von derselben Substanz kommen.

Warum die QT-Verlängerung hier weniger gefährlich ist

Amiodaron verlängert die QT-Zeit deutlich und ist trotzdem vergleichsweise gering proarrhythmisch — das Torsade-Risiko liegt niedriger als bei reinen Klasse-III-Substanzen wie Sotalol.

Der Grund ist doppelt: Die Verlängerung der Repolarisation verteilt sich relativ homogen über das Myokard, statt einzelne Bereiche stärker zu treffen. Und die zusätzlichen Effekte aus den Klassen I, II und IV dämpfen die Auslöser, die eine Torsade überhaupt starten würden.

Abgrenzung zu Lidocain

Steht kein Amiodaron zur Verfügung, ist Lidocain die Alternative im Arrest — etwa 1 mg/kg, also rund 100 mg, gegebenenfalls plus 50 mg. Niemals beides kombinieren: Zwei Antiarrhythmika nebeneinander summieren ihre negativ inotropen und proarrhythmischen Wirkungen, ohne den Nutzen zu addieren.

Selbsttest Gold

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Erkläre die Kette von der Kaliumkanalblockade bis zur Wirkung auf einen Reentry-Kreis.Aufdecken
Kaliumkanäle blockiert → Kalium verlässt die Zelle langsamer → Repolarisation verlängert → Aktionspotenzialdauer steigt → effektive Refraktärzeit steigt → der Reentry-Kreis läuft in refraktäres Gewebe und versandet.
2 Terminiert Amiodaron das Kammerflimmern?Aufdecken
Nein. Es stabilisiert das Myokard elektrisch, sodass die nächste Defibrillation bessere Chancen hat und ein Wiederauftreten erschwert wird. Der Schock beendet den Rhythmus, das Medikament hält das Ergebnis.
3 Warum ist Amiodaron trotz deutlicher QT-Verlängerung weniger proarrhythmisch als Sotalol?Aufdecken
Weil die Repolarisationsverlängerung relativ homogen über das Myokard verteilt ist — es entstehen weniger Unterschiede zwischen benachbarten Bereichen. Zusätzlich dämpfen die Effekte aus den Klassen I, II und IV die Auslöser einer Torsade.
4 Warum nie Amiodaron und Lidocain zusammen?Aufdecken
Zwei Antiarrhythmika nebeneinander summieren die negativ inotropen und proarrhythmischen Wirkungen, ohne den Nutzen zu addieren. Entweder das eine oder das andere.
Gold erreicht

Du kannst begründen, warum Amiodaron wirkt und wo seine Grenzen liegen. Die Master-Stufe geht an die Pharmakokinetik — die bei diesem Wirkstoff außergewöhnlich ist.

Stufe Master

Bis auf den Kanal

Was man wissen muss, um es zu unterrichten — und um zu erkennen, warum Amiodaron unter allen Notfallmedikamenten das eigenwilligste ist.

Das Aktionspotenzial in Phasen

Phase 0 ist die schnelle Depolarisation durch Natriumeinstrom. Phase 1 eine kurze frühe Repolarisation. Phase 2 das für Herzzellen typische lange Plateau — Kalzium strömt ein, Kalium aus. Phase 3 die eigentliche Repolarisation. Phase 4 das Ruhepotenzial.

Entscheidend ist Phase 3. Diese Repolarisation wird vom Kaliumausstrom getragen, vor allem über die Delayed-Rectifier-Kanäle mit der schnellen Komponente an der Spitze. Das ist der dominante Repolarisationsstrom. Wer ihn bremst, greift direkt in die Dauer des Aktionspotenzials ein.

Ein Kanal, eine Kette, ein Ergebnis:
Kalium langsamer hinaus — Refraktärzeit länger — Reentry unmöglich.

Pharmakokinetik — die außergewöhnlichste im Notfallkoffer

Amiodaron ist stark lipophil und reichert sich massiv im Fettgewebe, in Leber, Lunge und Muskulatur an. Das Verteilungsvolumen ist entsprechend riesig. Die Eliminationshalbwertszeit liegt bei Wochen bis Monaten — bei keinem anderen Notfallmedikament gibt es etwas Vergleichbares.

Für die Akutsituation ist das nebensächlich: Dort zählt die Umverteilung nach dem Bolus. Klinisch bedeutsam wird es bei der Dauertherapie — Wirkungen und Nebenwirkungen bauen sich über Wochen auf und klingen nach dem Absetzen ebenso langsam ab.

Das Jodproblem

Das Molekül enthält zwei Jodatome. Bei Dauertherapie ist das die Ursache der typischen Nebenwirkungen an der Schilddrüse: Es kann sowohl eine Hypothyreose als auch eine Hyperthyreose auslösen, letztere in zwei verschiedenen Formen. Dazu kommen bei Langzeitgabe Lungenfibrose, Hornhauteinlagerungen, Leberwerterhöhung und Photosensibilität.

Für den Rettungsdienst heißt das vor allem eins: Wenn ein Patient Amiodaron als Dauermedikation nimmt, ist die Schilddrüsenfunktion eine plausible Ursache für vieles, was man gerade sieht.

Die Evidenz

Die ALPS-Studie verglich Amiodaron, Lidocain und Placebo beim schockrefraktären Kammerflimmern außerhalb der Klinik. Ergebnis: verbesserte ROSC- und Krankenhausaufnahmeraten, aber kein klar belegter Vorteil beim neurologisch intakten Überleben.

Das ist derselbe Befund wie bei Adrenalin in PARAMEDIC2 — und ein guter Punkt für den Unterricht: Der Rhythmus kommt häufiger zurück, das Gehirn nicht zwangsläufig mit. Es rechtfertigt die Nachrangigkeit im Algorithmus, nicht aber das Weglassen.

Merksatz für den Unterricht

„Adrenalin und Amiodaron beide nach dem dritten Schock. Danach Adrenalin alle 3–5 Minuten weiter — Amiodaron nur noch einmal nach dem fünften.

Die fünf Kernsätze

Selbsttest Master

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Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.

1 Welche Phase des Aktionspotenzials verlängert Amiodaron, und über welchen Strom?Aufdecken
Phase 3, die eigentliche Repolarisation. Sie wird vom Kaliumausstrom über die Delayed-Rectifier-Kanäle getragen, vor allem über die schnelle Komponente. Die Blockade verlängert Aktionspotenzialdauer und Refraktärzeit.
2 Warum ist die Halbwertszeit von Amiodaron so ungewöhnlich — und wann spielt das eine Rolle?Aufdecken
Weil Amiodaron stark lipophil ist und sich in Fettgewebe, Leber, Lunge und Muskel anreichert. Die Eliminationshalbwertszeit liegt bei Wochen bis Monaten. In der Akutsituation zählt nur die Umverteilung nach dem Bolus — bedeutsam wird es bei der Dauertherapie.
3 Welche Nebenwirkung folgt direkt aus dem Molekülaufbau?Aufdecken
Die Schilddrüsenstörung. Das Molekül enthält zwei Jodatome und kann bei Dauertherapie sowohl eine Hypo- als auch eine Hyperthyreose auslösen. Bei einem Patienten unter Amiodaron-Dauertherapie ist die Schilddrüse immer eine plausible Mitursache.
4 Was zeigte die ALPS-Studie?Aufdecken
Beim schockrefraktären Kammerflimmern verbesserte Amiodaron ROSC- und Krankenhausaufnahmeraten, aber es gab keinen klar belegten Vorteil beim neurologisch intakten Überleben — derselbe Befund wie bei Adrenalin in PARAMEDIC2.
Master erreicht

Du kennst Amiodaron bis auf den Ionenkanal. Sieh dir das Aktionspotenzial an, wenn du sehen willst, wie sich Phase 3 unter dem Wirkstoff verformt.

Wo es vorkommt

Amiodaron im Einsatz

Quellen & Stand: ERC Guidelines 2025 — Adult Advanced Life Support (Zeitpunkt und Dosis im Arrest) · ESC-Leitlinie ventrikuläre Arrhythmien 2022 · ESC-Leitlinie Vorhofflimmern 2024 · ALPS-Trial (Kudenchuk et al., NEJM 2016) · Vaughan-Williams-Klassifikation in der überarbeiteten Fassung (Lei et al. 2018) · ÖRK-Arzneimittelliste I. Region Österreich. Geprüft Juli 2026.

Lern- und Lehrhilfe — kein Ersatz für lokale SOP, Fachinformation und individuelle ärztliche Entscheidung. Dosierungen vor Anwendung prüfen.
Wichtiger Hinweis: STATUS3 dient der Aus- und Fortbildung und ist keine verbindliche Handlungsanweisung. Maßgeblich sind die aktuelle Leitlinie, die ärztliche Anordnung und die gültige lokale SOP. Dosierungen und Algorithmen sind vor jeder Anwendung zu prüfen. Die Nutzung erfolgt in eigener fachlicher Verantwortung. Stand dieses Kapitels: Juli 2026.