
ESC 2024 Vorhofflimmern · ERC 2025 Peri-Arrest-Arrhythmien · Stand 01.08.2026
Stabil oder instabil?
Hypertonie, Herzinsuffizienz, Adipositas, Diabetes, Schlafapnoe, Alkohol behandeln — gleichrangige erste Säule.
Antikoagulation nach CHA₂DS₂-VA, DOAC bevorzugt.
Frequenz- und Rhythmuskontrolle.
Dynamische Re-Evaluation — kein statisches Schema.
ESC 2024 Vorhofflimmern (Eur Heart J 2024;45:3314) · ERC 2025 Peri-Arrest-Arrhythmien · Stand 01.08.2026
Von der Zellmembran bis zur Entscheidung im Rettungswagen. Vier Phasen — vom Verstehen bis zum Sichern.
Vorhofflimmern ist eine supraventrikuläre Tachyarrhythmie mit unkoordinierter elektrischer Vorhofaktivität und dadurch ineffektiver Vorhofkontraktion.
Der AV-Knoten filtert diese Flut unregelmäßig. Daraus entsteht das klinische Kennzeichen:
die absolute Arrhythmie
Bei rund 90 % der Patienten mit paroxysmalem Vorhofflimmern liegt der Auslöser in den Muskelmanschetten der Pulmonalvenen. Beim embryonalen Einwachsen der Lungenvenen in den linken Vorhof wandert Vorhofmyokard ein bis vier Zentimeter in die Venenwand hinein. Diese Zellen haben eine verkürzte Refraktärzeit, zeigen spontane Automatie und liegen in wechselnder Faserrichtung — ideale Bedingungen für Leitungsblöcke.
Damit aus einem Trigger anhaltendes Flimmern wird, braucht es einen empfänglichen Vorhof: Dilatation, Fibrose, Entzündung, Druckbelastung. Die Erregung zerfällt in multiple kreisende Wellen, die sich gegenseitig unterhalten.
Jede Flimmerepisode verkürzt die Refraktärzeit weiter und fördert Fibrose. Der Vorhof wird mit jedem Anfall anfälliger.
Deshalb wird aus paroxysmalem über die Jahre persistierendes und schließlich permanentes Vorhofflimmern — und deshalb ist eine frühe Rhythmuskontrolle wirksamer als eine späte.
erstmals dokumentiertunabhängig von Dauer und Beschwerden
endet spontan innerhalb von 7 Tagen, meist schon in den ersten 48 hTrigger überwiegt — Katheterablation ist hier Erstlinienoption
länger als 7 Tage oder Kardioversion nötigSubstrat überwiegt bereits
über 1 Jahr, Rhythmuskontrolle geplantVorhof deutlich umgebaut
akzeptiert, keine Rhythmuskontrolle mehrEntscheidung, kein Befund
Vorhofflimmern ist häufig Symptom, nicht Grunderkrankung. Wer nur den Rhythmus behandelt und die Ursache übersieht, behandelt zu kurz.
Das Beschwerdebild reicht von völliger Beschwerdefreiheit bis zum kardiogenen Schock. Entscheidend ist nicht die Frequenz allein, sondern wie gut der Ventrikel den Wegfall des Vorhofbeitrags kompensiert.
Der Vorhofbeitrag macht beim Gesunden etwa 20 % des Schlagvolumens aus. Bei steifem Ventrikel, Aortenstenose oder hypertropher Kardiomyopathie kann er bis zu 40 % betragen — dort löst der Verlust allein schon eine Dekompensation aus.
Warnzeichen im EKG:
Zur Diagnosestellung verlangt die Leitlinie eine EKG-Dokumentation von mindestens 30 Sekunden — ein 12-Kanal-EKG oder ein Einzelableitungs-Streifen ohne erkennbare P-Wellen und mit unregelmäßigen RR-Intervallen.
Die erste Frage lautet nicht „welches Medikament", sondern „ist der Patient stabil".
Die Zeitgrenze liegt bei 24 Stunden. Sie wurde in der ESC-Leitlinie 2024 von 48 auf 24 Stunden herabgesetzt. Nur wenn das Vorhofflimmern sicher kürzer als 24 Stunden besteht, darf ohne vorherige Antikoagulation und ohne transösophageale Echokardiografie kardiovertiert werden.
Bei unklarer oder längerer Dauer besteht Thrombusgefahr im Herzohr — eine Kardioversion kann einen Embolus lösen. Dann gilt: erst drei Wochen therapeutische Antikoagulation oder Thrombusausschluss im TEE, dann Kardioversion.
Ausgenommen ist die hämodynamische Instabilität. Dort wird sofort kardiovertiert, unabhängig von der Dauer — der Kreislauf hat Vorrang vor dem Embolierisiko.
Beim stabilen Patienten empfiehlt die Leitlinie ausdrücklich abzuwarten: Ein erheblicher Teil konvertiert innerhalb von Stunden von selbst.
Im stehenden Blut des linken Herzohrs bilden sich Thromben — dort entstehen über 90 % der Vorhofflimmern-assoziierten Embolien.
Das Risiko wird seit der ESC-Leitlinie 2024 über den CHA₂DS₂-VA-Score abgeschätzt: Herzinsuffizienz, Hypertonie, Alter ab 75 (zwei Punkte), Diabetes, durchgemachter Schlaganfall (zwei Punkte), Gefäßerkrankung, Alter 65–74.
Der frühere CHA₂DS₂-VASc-Score vergab einen Punkt für weibliches Geschlecht. Dieses Kriterium wurde gestrichen: Weibliches Geschlecht ist kein eigenständiger Risikofaktor, sondern ein altersabhängiger Risikomodifikator. Die Trennschärfe des Scores leidet darunter nicht. Wer noch VASc rechnet, arbeitet nach der alten Fassung.
Bevorzugt werden direkte orale Antikoagulanzien gegenüber Vitamin-K-Antagonisten — ausgenommen mechanische Herzklappen und mittelschwere bis schwere Mitralstenose.
Nach einer Kardioversion wird die orale Antikoagulation für mindestens vier Wochen fortgeführt — bei allen Patienten. Verzichtbar ist sie nur, wenn das Vorhofflimmern sicher unter 24 Stunden bestand und das thromboembolische Risiko niedrig ist.
Das Blutungsrisiko wird gesondert bewertet — ein hohes Blutungsrisiko ist in der Regel kein Grund, auf die Antikoagulation zu verzichten, sondern ein Auftrag, beeinflussbare Risikofaktoren zu behandeln.
Absolut unregelmäßig ohne P-Wellen — das ist Vorhofflimmern, bis das Gegenteil bewiesen ist.
Instabil heißt Strom, nicht Medikament.
Breit, unregelmäßig, sehr schnell → Präexzitation. Keine AV-Blocker — und auch kein Amiodaron.
24 Stunden, nicht 48 — die Zeitgrenze für die Kardioversion ohne Antikoagulation wurde 2024 halbiert.
CHA₂DS₂-VA, nicht mehr VASc — das Geschlecht zählt seit 2024 nicht mehr mit.
Immer die Ursache suchen — Vorhofflimmern ist oft Symptom.
Der Ursprung liegt in den Lungenvenen — deshalb ist die Pulmonalvenenisolation der Eckpfeiler der Ablation.
Das Herzohr ist die Thrombusquelle — Antikoagulation ist keine Nebensache.
Erwachsene, präklinisch und in der Akutversorgung. Auswahl richtet sich nach Stabilität, Dauer und Begleiterkrankungen — und folgt der lokalen SOP.
Breite, unregelmäßige, sehr schnelle Komplexe sprechen für eine akzessorische Leitungsbahn. Der AV-Knoten ist hier die einzige Struktur, die die Überleitung noch bremst. Wer ihn blockiert, nimmt die letzte Bremse heraus: Die Vorhoferregung läuft dann ungefiltert über die Bahn in die Kammer. Folge ist ein Frequenzanstieg bis zum Kammerflimmern.
Kontraindiziert sind deshalb alle AV-blockierenden Substanzen — Adenosin, Verapamil, Diltiazem, Betablocker und Digoxin.
Auch Amiodaron gehört dazu. Es gilt bei präexzitiertem Vorhofflimmern als potenziell schädlich, weil es den AV-Knoten stärker bremst als die akzessorische Bahn. Die Karte oben gilt hier nicht.
Mittel der Wahl ist die elektrische Kardioversion, synchronisiert.