Pneumothorax
Der Pleuraspalt hält die Lunge an der Brustwand, weil in ihm ein Unterdruck herrscht. Kommt Luft hinein, fällt dieser Unterdruck weg und die Lunge zieht sich zusammen. Solange die Luft wieder entweichen kann, bleibt es dabei: Der Patient hat Luftnot und Schmerzen, aber der Kreislauf trägt. Kann sie nicht mehr heraus, entsteht ein Ventil — und daraus wird der Spannungspneumothorax. Die ganze Einteilung dieses Kapitels hängt an dieser einen Frage.
Die Stufe beschreibt nicht den Text, sondern dich. Wähle, wo du stehst — und verdien dir die nächste, indem du die Fragen aus dem Kopf beantwortest. Dein Stand bleibt in diesem Browser gespeichert, es wird nichts übertragen.
Die Karte
Drei Formen, ein Prinzip: Es kommt darauf an, ob die Luft wieder heraus kann. Einfach heißt: ja. Offen heißt: durch die Brustwand. Spannung heißt: nein — und das ist der lebensbedrohliche Fall.
Die drei Formen
| Form | Luft kann heraus? | Kreislauf | Sofortmaßnahme |
|---|---|---|---|
| Einfach (geschlossen) | ja, über den Verletzungsweg | stabil | Sauerstoff, Überwachung, Transport |
| Offen | ja, durch die Brustwand | meist stabil | dreiseitig verklebter Verband |
| Spannung | nein — Ventil | bricht ein | sofortige Entlastung |
Woran du ihn erkennst
- Atemnot und atemabhängige, stechende Schmerzen auf der betroffenen Seite
- Atemgeräusch einseitig abgeschwächt oder fehlend
- Perkussion hypersonor — im Gegensatz zum Hämatothorax, der gedämpft klingt
- Hautemphysem — knisternde Luft unter der Haut, ein sehr verlässlicher Hinweis
- Häufig nach Trauma, aber auch spontan — typisch beim jungen, schlanken, großen Menschen
Beim offenen Pneumothorax wird eine luftdichte Folie über die Wunde gelegt und an drei Seiten verklebt.
Die vierte Seite bleibt frei: Beim Einatmen saugt sich die Folie an und verschließt die Wunde, beim Ausatmen kann die Luft unter der freien Kante entweichen.
Wer alle vier Seiten verklebt, baut selbst das Ventil — und macht aus einem offenen Pneumothorax einen Spannungspneumothorax. Alternativ gibt es fertige Ventilpflaster.
Auch mit richtigem Verband: engmaschig überwachen. Verstopft die Öffnung, gilt dasselbe.
Bei jeder Überdruckbeatmung. Nach der Intubation kann ein bis dahin harmloser Pneumothorax innerhalb von Minuten kippen.
Beim Lufttransport — mit sinkendem Umgebungsdruck dehnt sich die eingeschlossene Luft aus.
Bei jeder Verschlechterung während des Transports gehört der Gedanke daran zurück auf den Tisch.
Sauerstoff geben, Oberkörper hoch, wenn es die Verletzungen erlauben.
Beim offenen Pneumothorax: Wunde abdecken, dreiseitig verkleben, Stelle im Blick behalten.
Monitoring inklusive Kapnographie, Atemgeräusch wiederholt kontrollieren.
Keine Drainage im Rettungsdienst ohne Indikation und Kompetenz — beim einfachen Pneumothorax ist der Transport in die Klinik die richtige Maßnahme.
Selbsttest Silber
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum wird der Verband beim offenen Pneumothorax nur an drei Seiten verklebt?Aufdecken
2 Wie unterscheidest du bei der Untersuchung einen Pneumothorax von einem Hämatothorax?Aufdecken
3 Ein Patient mit einfachem Pneumothorax wird intubiert und beatmet. Worauf achtest du besonders?Aufdecken
4 Muss beim einfachen Pneumothorax präklinisch eine Drainage gelegt werden?Aufdecken
Du hältst die drei Formen auseinander und weißt, warum der Verband eine offene Seite braucht. Die nächste Stufe erklärt den Unterdruck im Pleuraspalt und die Sonderformen.
Der Unterdruck
Die Lunge hat einen eigenen Rückstellwillen: Sie würde sich von selbst zusammenziehen. Dass sie es nicht tut, liegt allein am Unterdruck im Pleuraspalt.
Warum die Lunge entfaltet bleibt
Zwischen Lungenfell und Rippenfell liegt ein hauchdünner Spalt mit etwas Flüssigkeit und einem Unterdruck gegenüber dem Alveolardruck. Dieser Unterdruck hält die elastische Lunge gegen ihre eigene Rückstellkraft entfaltet. Kommt Luft in den Spalt, gleicht sich der Druck an — und die Lunge zieht sich zusammen wie ein losgelassener Ballon.
Daraus folgt alles Weitere: Der Gasaustausch fällt auf dieser Seite aus, das Blut fließt aber weiter durch die kollabierte Lunge — es entsteht ein Rechts-links-Shunt. Deshalb bessert Sauerstoff die Sättigung nur begrenzt: Man kann nicht oxygenieren, was nicht belüftet ist.
Die Entstehungswege
| Form | Wie sie entsteht | Wer betroffen ist |
|---|---|---|
| Primärer Spontanpneumothorax | Ruptur kleiner subpleuraler Blasen ohne bekannte Lungenerkrankung | typisch jung, schlank, groß, oft Raucher |
| Sekundärer Spontanpneumothorax | auf dem Boden einer Lungenerkrankung — COPD, Emphysem, zystische Fibrose | älter, vorerkrankt — und deutlich gefährdeter |
| Traumatisch, geschlossen | Rippenfraktur verletzt die Pleura von innen | stumpfes Thoraxtrauma |
| Traumatisch, offen | Verletzung durch die Brustwand hindurch | penetrierendes Trauma |
| Iatrogen | nach ZVK-Anlage, Punktion, Beatmung | im Krankenhaus entstanden |
Der Unterschied zwischen primär und sekundär ist keine akademische Feinheit: Wer ohnehin nur eingeschränkt atmet, dekompensiert mit einem Pneumothorax viel schneller. Ein sekundärer Spontanpneumothorax bei COPD ist ein anderer Patient als ein primärer beim Zwanzigjährigen.
Die kollabierte Lunge wird weiter durchblutet, aber nicht mehr belüftet — ein Shunt.
Sauerstoff verbessert den Gasaustausch nur in den noch belüfteten Abschnitten. Die Sättigung steigt, aber nicht so, wie man es erwarten würde.
Bleibt die Sättigung trotz hohem Sauerstofffluss schlecht, ist das kein Grund, mehr Sauerstoff zu geben, sondern ein Hinweis auf das Ausmaß.
Was noch dazugehört
- Hautemphysem: Luft im Unterhautgewebe, knistert unter den Fingern. Ein sehr verlässlicher Hinweis, kann aber auch weit vom Ursprung entfernt auftreten.
- Hämatopneumothorax: Luft und Blut zugleich — die Perkussion ist dann nicht eindeutig, und der Volumenmangel bestimmt das Bild.
- Beidseitiger Pneumothorax: selten, aber beim Polytrauma möglich. Ein seitengleiches Atemgeräusch schließt ihn nicht aus.
- Sonographie: Der fehlende Pleuragleitbefund ist präklinisch der schnellste Hinweis, wenn ein Gerät und die Kompetenz da sind.
Beim beidseitigen Pneumothorax ist es seitengleich — nämlich beidseits abgeschwächt.
Im lauten Umfeld, bei Adipositas und beim Hautemphysem ist die Auskultation ohnehin unzuverlässig.
Deshalb zählt das Gesamtbild: Atemnot, Perkussion, Hautemphysem, Beatmungsdruck, Kreislauf.
Selbsttest Gold
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Warum bleibt die Lunge normalerweise entfaltet, und was ändert sich beim Pneumothorax?Aufdecken
2 Warum steigt die Sättigung unter Sauerstoff weniger als erwartet?Aufdecken
3 Warum ist ein sekundärer Spontanpneumothorax gefährlicher als ein primärer?Aufdecken
4 Der Patient hat ein seitengleiches Atemgeräusch. Ist ein Pneumothorax damit ausgeschlossen?Aufdecken
Du kannst den Mechanismus erklären und die Formen einordnen. Die Master-Stufe geht an die Entscheidung, wann drainiert wird, und an die Fallstricke der Versorgung.
Die Entscheidung
Nicht jeder Pneumothorax braucht eine Drainage, und nicht jeder Verband hilft. Die Kunst liegt darin, den Übergang zum Spannungspneumothorax zu antizipieren, bevor er stattfindet.
Wann eine Entlastung nötig wird
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Spannungspneumothorax, jeder Verdacht | sofortige Entlastung — nicht warten, siehe eigenes Kapitel |
| Beatmeter Patient mit gesichertem Pneumothorax | Drainage vor oder unmittelbar nach Beatmungsbeginn erwägen — die Überdruckbeatmung treibt ihn |
| Ausgedehnter Pneumothorax mit Symptomen | Drainage in der Klinik, präklinisch Überwachung |
| Kleiner, asymptomatischer Pneumothorax | oft konservativ — Klinikentscheidung |
| Langer Transport oder Lufttransport | niedrigere Schwelle: mit sinkendem Umgebungsdruck dehnt sich die Luft aus |
Die zweite und die letzte Zeile sind die präklinisch relevanten: Beatmung und Höhenflug sind beides Beschleuniger. Wer einen Patienten mit Pneumothorax intubiert oder in den Hubschrauber lädt, sollte den Fall vorher zu Ende gedacht haben.
Die Fehler bei der Versorgung
- Alle vier Seiten verklebt — der häufigste und gefährlichste. Man baut das Ventil selbst.
- Nach dem Verband nicht weiter kontrolliert — auch ein richtiger Verband kann verkleben, verrutschen oder durch Blut verstopfen.
- Fremdkörper entfernt — ein steckender Gegenstand wird belassen und gepolstert, nicht gezogen.
- Auf Bildgebung gewartet — beim Spannungspneumothorax ist das der tödliche Fehler.
- Nach der Entlastung entwarnt — die Nadel ist Überbrückung, der Zustand kann wiederkehren.
Ein penetrierender Gegenstand in der Brustwand wird nicht entfernt, sondern in seiner Lage gepolstert und fixiert.
Er kann ein Gefäß tamponieren; das Herausziehen eröffnet die Blutung und kann zusätzlich Luft einströmen lassen.
Entfernt wird er unter kontrollierten Bedingungen im Krankenhaus.
Beim Transport
- Atemgeräusch, Beatmungsdruck und Kreislauf wiederholt prüfen — nicht nur einmal bei der Übernahme
- Kapnographie mitlaufen lassen: steigender Beatmungsdruck bei fallendem etCO₂ ist ein Warnsignal
- Bei jeder Verschlechterung zuerst an das Kippen in den Spannungszustand denken
- Beim Lufttransport das Team vorher informieren — die Druckänderung ist vorhersehbar und damit planbar
Der Unterschied zwischen harmlos und tödlich ist eine einzige Frage: Kann die Luft wieder heraus?
Drei Seiten kleben, eine offen lassen. Wer vier klebt, baut die gefährliche Form selbst.
Beatmung und Höhe treiben ihn. Wer beatmet oder fliegt, muss den Fall vorher zu Ende gedacht haben.
Und: Nach dem Verband ist vor der Kontrolle.
Selbsttest Master
0 von 4Erst denken, dann aufdecken. Nur was du aus dem Kopf beantwortest, zählt.
1 Nenne zwei präklinische Situationen, die einen einfachen Pneumothorax beschleunigen.Aufdecken
2 Ein Messer steckt in der Brustwand. Was machst du damit?Aufdecken
3 Du hast einen offenen Pneumothorax korrekt dreiseitig verbunden. Was kann trotzdem passieren?Aufdecken
4 Warum ist die Schwelle zur Drainage beim beatmeten Patienten niedriger?Aufdecken
Du kannst entscheiden, wann Überwachung genügt und wann nicht — und kennst die Fehler, die bei der Versorgung gemacht werden.